Von Beatrice Ehrlich Lörrach. Volker Habermaier, neuer Leiter der "Literarischen Begegnungen" beim Hebelbund in Lörrach, will daraus ein Forum für Literaten der Gegenwart machen. Ein besonderer Höhepunkt war die zweite Veranstaltung in dieser Reihe am Sonntag: eine Lesung der Schriftstellerinnen Carola Horstmann und Ulrike Derndinger. Für beide ist das Alemannische eine Art musikalische Sprache, mit der sie Gedanken und Beobachtungen in eine perfekte Form fassen können. Und wenn man sie dann lesen hört, klingt das wie selten gehörte Musik: Hier der glasklar-klingende Dialekt aus Zell im Wiesental ("Hebeldeutsch") der älteren der beiden (Carola Horstmann, Jahrgang 1948), dort der schleppende Tonfall aus Kürzell im Ortenaukreis der jüngeren (Ulrike Derndinger, Jahrgang 1977). Bezaubernde Miniaturen haben die beiden Schriftstellerinnen im Gepäck, die sich sichtlich kennen und mögen. Sie lesen abwechselnd. Horstmanns anschaulich in Worte gefasste Alltagsbeobachtungen ("Weg in die Badi", "Moneli") die oft in die Kindheit führen, lassen vor den Augen der Zuhörer das Dorf und seine Bewohner und die Familie ganz plastisch entstehen. Es gelingt ihr, mit ihren kurzen Prosatexten und auch mit den knapp gehaltenen Gedichten das Persönliche zur Metapher für Fragen, die alle betreffen, zu machen: Außenseiter, subtile Gewalt, Generationenfragen. Dabei kommt Horstmann ihre genaue Beobachtungsgabe, die Fähigkeit, genau hinzuhören und der virtuose Umgang mit ihrer Muttersprache entgegen. Wegen ihrer umfassenden Qualität, sowohl sprachlich als auch inhaltlich, sind Carola Horstmanns alemannische Texte keinesfalls nur für Muttersprachler reizvoll. Ganz im Gegenteil: Der klare Ausdruck macht sie auch für andere literarisch interessierte Zuhörer zu einem echten Erlebnis und ermöglicht einen Zugang zum Dialekt. Hört man dann noch Ulrike Derndinger, möchte man fast meinen, dass der alemannische Dialekt reicher an Sprachmitteln ist als die Hochsprache, um die Wirklichkeit und das was dahinter liegt, nämlich Differenzen, Gemütszustände, verschiedene Zeitebenen, in treffende Worte zu fassen. Wo Horstmann Bilder, präzise und farbig, wie in einem Film erschafft, wirkt Derndingers Prosa eher körperlich; durch ihren Rhythmus und feinste Differenzierungen in der Klangfarbe, das Hervorrufen von Gerüchen, Geräuschen und Gefühlen. Ein Beispiel dafür sind ihre Texte über die "Viecher": "Guet im Fueder", in dem sie von einer Greisin und ihrem Gefolge, Hund und Katz, erzählt, "Hol de Schang" über die Geburt eines Kalbes, und "Armani", die Geschichte eines Schoßhundes, der die Freiheit wählt. Die Journalistin Derndinger berichtet, dass sie sich erst fern der Heimat, in Berlin, des Schatzes bewusst wurde, den ihre Sprache für sie darstellt - und dann auf Alemannisch zu schreiben begann.