Suche in Redaktionsseiten
Stimmung!
Aus aller Welt
Lokales
Anzeigen
Abos & Service
Freizeit & Spass
Ticketverkauf
Leserreisen
Fotogalerie
E-Paper
Profil & Kontakt
 
Ein böses Omen für die Zukunft
zurück Diese Seite drucken
 
So sah der Marinemaler Willy St? den Untergang der Titanic Foto: Archiv

Von Guido Neidinger Lörrach. Vor 100 Jahren versank die Titanic im Atlantik. Auch an Lörrach ging die Katastrophe nicht spurlos vorüber. Wochenlang beschäftigten sich die Menschen mit den Berichten über das Unglück und deuteten es als böses Omen. Als das schwimmende Schloss in der Nacht vom 14. auf den 15. April vor 100 Jahren sank, nachdem ein Eisberg dem Dampfer den mächtigen Bauch aufgeschlitzt hatte, blieben die Menschen im fernen Lörrach zunächst ahnungslos. Viel langsamer war damals die Nachrichtenübermittlung. Und so erfuhren die Lörracher erst am Mittwoch, also drei Tage später, auf Seite drei der damals vier Seiten umfassenden Ausgabe des Oberbadischen Volksblatts, wie unsere Zeitung früher hieß, unter der Überschrift "Dampfer-Unglück" von der Katastrophe. Und prompt wurden sie falsch informiert. Dort hieß es: "Sämtliche Passagiere des Dampfers Titanic wurden gerettet." Im letzten Absatz wurde zwar angedeutet, dass "nur 675 Passagiere gerettet worden seien". Doch das wollten die Journalisten damals nicht glauben. Und so bastelten sie sich erst einmal ihre eigene Theorie zusammen. Und so hieß es in den ersten Presseverlautbarungen: "Diese Meldung"."."."scheint vielleicht dadurch entstanden zu sein, dass die auf der Titanic befindlichen Passagiere auf drei zur Hilfe geeilten Dampfern verteilt und gerettet wurden, und daß eben hier nur von den Geretteten eines Schiffes berichtet wird." Einen Tag später war den damaligen Blattmachern "Belgiens strategische Bedeutung" oder ein Artikel "Ueber den 1911er Wein" noch wichtiger als die Titanic-Katastrophe. Aber immerhin: Jetzt waren es auf Seite zwei unter der kleinen Überschrift "Das furchtbare Schiffsunglück" schon 80 Zeilen, die Informationen über die Tragödie lieferten, darunter eneut falsche. Die Rede ist in dem Artikel von einem gigantischen Eisberg mit einer Länge von 115 Kilometern und 60 Kilometern Breite. Und auch sonst schossen die Mutmaßungen ins Kraut. So stand zu lesen: "In Schiffahrtskreisen vermutet man die große Wasserverdrängung der Titanic".".". als die Ursache der Katastrophe. Auch übt die gewaltige Masse der Titanic eine Art anziehende Wirkung aus." Der unbedarfte Leser hätte das so interpretieren können: Die Titanic zog den Eisberg wie einen Magneten an. Eine absurde Interpretation. Auch am Freitag, 19. April 1912, also fünf Tage nach der Katastrophe, schaffte es die Titanic noch nicht auf die Titelseite des Oberbadischen Volksblatts. Die deutschen Journalisten und mit ihnen ihre Leser klammerten sich noch an Hoffnungen, dass Fischerbote in der Nähe der Unglüscksstelle weitere Passagiere aufgenommen haben könnten. Während die Schifffahrtslinie "White-Star-Line" betonte, es seien genügend Rettungsboote an Bord gewesen, wurde nun erstmals Kritik laut. Im OV heißt es: "Die Auffassung der Blätter geht dahin, daß die Titanic dem Schnelligkeitswahn und der Rekordgier zum Opfer gefallen ist. Der Mangel an Rettungsbooten wird aufs schärste getadelt." Einen Tag später, am Samstag, 20. April, hatte die Titanic-Katastrophe endgültig die Titelseiten der Zeitungen - auch des OV - erobert. Auf mehr als einer Seite geht es um "Die Lehren der Titanic-Katastrophe". Ein Hintergrund-Artikel ist mit "Die zerschmetterte Titanic" überschrieben. Genau genommen, handelt es sich dabei um einen kritischen Leitartikel, der unverantwortliche Parolen anprangert, nach denen die Tiatnic als unsinkbar bezeichnet wurde. In diesem bemerkenswerten Artikel, der aufräumte mit der angeblichen Überlegenheit der Technik über die Natur, heißt es: "Unversinkbar! Das war ein neuer Klang, war ein Ausdruck dessen, was nachgerade fast ein Tagesglaube ist. Damit wurde mit stolzer Sicherheit gesagt: Das Meer ist nur noch der Diener für uns, der den Rücken krümmt und uns trägt, wohin wir wollen. Es hat jegliche Macht, jeglichen Eigenwillen verloren und wird gefügig gepeitscht von der stählernen Schraube im Leibe des Schiffs"."."." 1998 war das Unglück, das die Welt erschütterte, noch einmal in aller Munde. Damals lief der Film "Titanic" mit Kate Winslet und Leonardo di Caprio in den Hauptrollen in den Kinos. Über Monate hinweg waren die täglichen Vorstellungen im Metropolis-Kino in Lörrach ausverkauft. Anlässlich dieses Kinospektakels sprachen wir mit der damals 103-jährigen Hilda Rein, die sich noch gut an die Katas­trophe erinnern konnte, von der sie als 17-Jährige erfuhr. "Große Ereignisse nahm man damals nicht gleichgültig hin", erzählte die Seniorin 1998. "Egal ob es sich um schöne oder schlimme Ereignisse handelte, sie wurden immer als Fingerzeig des Himmels gedeutet. Und so werteten die Lörracher dieses Schiffsunglück als böses Omen für die Zukunft." Die spätere Entwicklung der Geschichte schien den Menschen 1912 Recht zu geben. Zwei Jahre später brach der Erste Weltkrieg aus und stürzte die Welt in ein Jammertal.

 
Nachricht vom 14.04.2012
zurück Diese Seite drucken
 
 
 
     
Impressum