Suche in Redaktionsseiten
Stimmung!
Aus aller Welt
Lokales
Anzeigen
Abos & Service
Freizeit & Spass
Ticketverkauf
Leserreisen
Fotogalerie
E-Paper
Profil & Kontakt
 
"Wir im Dreiland sind Europäer des Alltags"
zurück Diese Seite drucken
 
Zwei Freunde: Oberb?rmeister Wolfgang Dietz (l.) und H?gens B?rmeister Jean-Marc Deichtmann im gemeinsamen Interview mit unserer Zeitung.

Von Jasmin Soltaniund Siegfried Feuchter Braucht es 70 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg überhaupt noch eine Städtepartnerschaft" Wie wichtig ist sie" Deichtmann: Mehr denn je. Wenn es um Frieden und Freundschaft geht, geht es nie von selbst. Dietz: Auch wenn vieles in den beiden reichen Ländern Deutschland und Frankreich selbstverständlich geworden ist, wissen wir doch, dass Frieden auch heute noch keine Selbstverständlichkeit ist. Die Städtepartnerschaft brauchen wir mehr denn je, auch deshalb, weil die Generation, die Krieg und damit das Gegenteil von Freundschaft erlebt hat, ausstirbt. Es gibt kein zwingendes historisches Gedächtnis für die Gesellschaft. Deshalb ist für mich die 50-Jahrfeier der Städtepartnerschaft ein großes Ereignis. Deichtmann: Wir beide sind ein Beispiel dafür, dass die Freundschaft nicht nur auf dem Papier existiert, sondern gelebt wird. Ich verstehe mich mit Wolfgang Dietz prächtig. Ich war sehr gerührt, als er mich als französischer Bürgermeister gebeten hat, am Volkstrauertag in Weil am Rhein die Gedenkrede zu halten. Ich habe dabei oft an meine Eltern und Großeltern gedacht, die den Krieg erlebt haben. Ich selbst habe nie einen Tag Krieg erlebt. War es eine historische Leistung Ihrer Vorgänger, Wilhelm Schellenberg und Joseph Bonnet, als eine der ersten Städte die deutsch-französische Freundschaft besiegelt zu haben" Deichtmann: "Ich weiß nicht, wer die Idee hatte. Es war jedenfalls eine besondere Leistung, zumal die Städtepartnerschaft noch vor dem Elysee-Vertrag geschlossen worden war. Die beiden Bürgermeister wollten dies aus Überzeugung. Dietz: Bemerkenswert ist dabei, dass Schellenberg im Krieg von den Deutschen eingesetzter Bürgermeister in St. Louis und Huningue war. Deichtmann: Schellenberg hatte keinen schlechten Ruf in Hüningen. Wie haben Sie in jungen Jahren die deutsch-französische Annäherung erlebt" Deichtmann: Mein erster Kontakt mit Weil war im Alter von sechs oder sieben Jahren. Damals hatte ich eine Riesenfreude, mit der Fähre über den Rhein nach Weil fahren zu können. Später, 1970/71, war ich mit der Pfarrgemeinde in Weil eingeladen. Zum ersten Mal konnten wir uns mit gleichaltrigen Jugendlichen austauschen. Dietz: Für uns war die Fähre ein billiger Sonntagsausflug mit den Eltern. Ich erinnere mich noch gut, als ich als Schüler mit meinem Vater nach Frankreich fuhr, um ein Fünf-Gang-Rennrad der Marke Peugeot zu kaufen und mit der Fähre nach Weil zu bringen. Zuvor musste ich zweimal durch den Dreck fahren, damit das Fahrrad gebraucht aussah. Nach so vielen Jahren ist das ja verjährt (lacht). Übrigens hatte mein Vater ein sehr gutes Verhältnis zu dem späteren Hüninger Bürgermeister Etienne Martin. Wie hat sich die Städtepartnerschaft entwickelt" Ist sie lebendig oder beschränkt sie sich im Wesentlichen nur auf den Austausch zwischen Honoratioren" Deichtmann: In den ersten drei Jahrzehnten gab es Begegnungen vor allem auf politischer Ebene. In den letzten 15 Jahren hat sich jedoch einiges auf Vereinsebene bewegt, vor allem Table Ronde hat hier wichtige Anstöße gegeben und einiges bewirkt. Es gibt aber noch viel zu tun. Dietz: Das kann ich nur bestätigen, Table Ronde leistet wirklich sehr gute Arbeit. Sind für einen lebendigen Austausch nicht die Sprachbarrieren ein Hindernis" Schließlich sprechen immer weniger junge Franzosen zuhause elsässer-deutsch. Deichtmann: Vor 30 Jahren war es sicherlich einfacher, weil mehr Kinder elsässer-­deutsch sprachen. Viele Eltern geben aber inzwischen das Elsässische nicht mehr weiter. Das ist schade. Ich habe noch Elsässisch gelernt vor Deutsch. Dafür gibt es aber mittlerweile sehr viele bilinguale Schulklassen. Von den 450 Kindern in der Hüninger Schule ist ein Drittel in der Bilingual-Klasse. Dietz: Das gute Projekt "Lerne die Sprache des Nachbarn" hat auch zu einer besseren Verständigung beigetragen, auch wenn es Kritik daran gab, dass Grundschüler statt der Weltsprache Englisch Französisch lernen sollen. Und das Oberrhein-Gymnasium mit dem bilingualen Zug haben wir nicht nur gemacht, um mehr Raumkapazitäten zu bekommen, sondern um das französische Sprachprofil einzuführen. Es sind sogar einige Schüler aus Hüningen am Oberrhein-Gymnasium. Wie werden in Weil die Franzosen und in Hüningen die Deutschen wahrgenommen" Nur als Einkaufstouristen" Dietz: Bei meiner Kandidatur als OB im Jahr 2000 saß ich in einem Weiler Café und war völlig verblüfft, dass in Weil Französisch zu hören war. Das hatte sich gegenüber meiner Schulzeit deutlich verändert. Wichtig für mich ist, dass sich die Menschen begegnen. Natürlich spielen dabei Einkaufen und Arbeiten eine wichtige Rolle, aber auch das Laguna zum Beispiel zieht viele Franzosen an. Deichtmann: Und zu uns kommen viele Deutsche in den Wildwasserpark, vor allem seit es die Dreiländerbrücke gibt. Dreiländerbrücke ist das Stichwort. War der Bau dieser Passerelle ein Quantensprung in den gegenseitigen Beziehungen" Deichtmann: Oh ja, nicht nur symbolisch. Die Leute gehen hin und her. Dietz: Das war wirklich ein Quantensprung, über eine Million Leute benutzen pro Jahr diese Brücke. Dabei will ich bei dieser Gelegenheit auch an die Historie erinnern. Die Brücke war ja kein Lieblingsprojekt, heute aber sagt niemand mehr, es sei rausgeschmissenes Geld. Deichtmann:" Auch bei uns gab es Widerstände, die Brücke galt als Blödsinn " ähnlich wie beim Wildwasserpark vor 20 Jahren. Aber heute stellen sich alle dahinter, es gibt keine kritischen Stimmen mehr. Dietz: Bei uns hört man gelegentlich Ärger über Diebesbanden, die die Brücke als schnellen Fluchtweg benutzen. Aber viel wichtiger ist, dass die Dreiländerbrücke Menschen zusammenführt, auf diese Art und Weise wachsen wir zusammen. Deichtmann: Der Rhein trennt uns nicht mehr, die Brücke war eine ausgezeichnete Idee. Ich höre noch den früheren Weiler Hauptamtsleiter Dieter Walk sagen: "Wenn wir mal das Brückle haben..." Dietz: Das stimmt. Dieter Walk war der Spiritus Rector und die treibende Kraft. Im Alltag sind inzwischen Begegnungen der Menschen selbstverständlich geworden. Trotz EU bleiben unterschiedliche Gesetzgebungen als Hürde für gemeinsame Projekte der beiden Länder. Hilft die Städtepartnerschaft, diese Hürden leichter zu nehmen" Dietz: Immer wenn wir zu zweit aufgetreten sind, war das Staunen groß. Das bewegt dann schon etwas, wenn man nicht alleine kommt, man kann dem Anliegen mehr Nachdruck verleihen. Wir wissen um die unterschiedlichen Rechtsnormen. Doch es wurden immer Lösungen gefunden. Im Fall der Dreiländerbrücke gilt einvernehmlich das deutsche Baurecht. Gibt es Visionen für weitere gemeinsame Projekte" Wir denken an die Entwicklungsvision Dreiland, eine trinationale Hafen- und Stadtentwicklungsplanung. Deichtmann: Wir sind die Europäer des Alltags im Dreiland, sogar manchmal bei unseren Freunden in der Schweiz. Dietz: Das Wichtigste sind mir die Menschen. Wenn die Leute nicht zusammenkommen wollen, brauchen wir keine neuen Projekte. Deichtmann: Bei der Dreiland-Vision ist mit der Schweiz ein dritter Partner im Boot, der kein EU-Mitglied ist. Das macht das Projekt besonders interessant. Wir brauchen die Großstadt Basel... Dietz: ...aber auch Basel braucht uns als Umland. Es ist gut, dass wir als Umland unsere Interessen gemeinsam formulieren. Dabei ist es von Vorteil, dass Jean-Marc Deichtmann und ich auf der selben Wellenlänge schwimmen... Deichtmann: ...wir sind uns sehr nah. Deshalb können wir die Energie für anderes einsetzen. Die persönliche Freundschaft und das gegenseitige Vertrauen sind wichtige Basis für ein besseres grenzüberschreitendes Miteinander. Dietz: Auch mit René Moebel hatte ich ein herzliches Verhältnis, auch wenn er einer anderen Generation angehört. Bewegend war der gemeinsame Ausflug beider Gemeinderate zum Hartmannsweilerkopf und zum Deutschen Soldatenfriedhof in Bergheim. Das war auf lokaler Ebene vergleichbar mit dem Treffen von Kohl und Mitterand in Verdun. Was wünschen Sie sich persönlich für die künftige Partnerschaft" Dietz: Wenn Europa in der Welt eine Rolle spielen und seinen Wohlstand erhalten will, dann geht das nur, wenn die Länder zusammenhalten. Auf dem Globus gibt es nur wenige Stellen, wo so viele Kulturen auf engem Raum zusammenkommen wie in Europa. Wer hat schon die Chance, vor der Tür liegend Europa zu leben. Das sollte als Reichtum begriffen werden, das ist doch faszinierend. Deichtmann: Wenn man keinen Frieden hat, dann nützt auch viel Geld nichts. Deshalb sollten wir die Chance nutzen, die uns diese "Epoque formidable", in der wir leben, gibt.

 
Nachricht vom 26.04.2012
zurück Diese Seite drucken
 
 
 
     
Impressum