Von Gabriele Hauger Muttenz. Architektur und Urbanismus als Abbild und Spiegel von Politik und Gesellschaft ist eines der Grundthemen, die den kubanischen Künstler Carlos Garaicoa beschäftigen. Mit bearbeiteten Fotografien, Zeichnungen, Installationen und Filmen will er auf die Krise und die Geschichte des städtischen Raums aufmerksam machen. Im Kunsthaus Muttenz Baselland wurde am Donnerstagabend eine Einzelausstellung mit Werken Garaicoas unter dem Titel "A City View from the Table of my House" eröffnet, die bereits im Kunstverein Braunschweig zu sehen war. Die Arbeiten erschließen sich dem Besucher allerdings nicht auf den ersten Blick. Dazu braucht es erklärende Worte, entweder vom Künstler selbst oder von der Kuratorin und Direktorin des Museums Sabine Schaschl. Ausgestellt sind mehrere Fotografien aus Garaicoas Heimatland. Man sieht verfallene Bauten, öde, kaum besiedelte Landstriche. Die abgelichteten Gebäude oder Gebäudefragmente werden vom Künstler verändert, erweitert, neu gebaut. So schafft er eine fiktive Welt. Dafür hat er ganz eigene Techniken entwickelt: Zum einen werden die auf Alu und Gips gesetzten Fotografien mittels Laser bearbeitet und so neue Gebäudeteile geschaffen. Zum anderen lässt er mittels Fäden, die an feinen Nadeln befestigt über die Fotoarbeit gelegt werden, neue Gebäudeteile über alten entstehen. So kann Garaicoa Fantasien ausleben, denn real machbar und wünschenswert sind seine "Manipulationen" nicht immer. Dass er aber verfallenden Städten und Gebäuden neues Leben einhaucht, ist durchaus als Kritik an Regimes wie dem Fidel Castros zu sehen, dessen Politik das Land verkommen lässt. Viele von Garaicoas Werken sind äußerst fragil. In "The Old and the New" schafft er eine zwölfteilige Serie aus Papierarbeiten. Lithografien historischer Fassaden von der Villa bis zur Jagdhütte schneidet er aus und lässt sie sich quasi aufbäumen. Dahinter setzt er scherenschnittartig gleich einem utopischen Schatten aus schwarzem Karton ein neues, modernes Gebäude. Auch hier Brüche und Kontraste, ein Verschwimmen zwischen Fiktion und Realität, zwischen Alt und Neu. Stadtmodelle und -visionen haben es dem Kubaner, der wechselweise in Havanna und Madrid lebt, angetan. Faszinierend ist seine 2008 in China entstandene und auf der Bienale gezeigte Installation "Bend City". Aus Dutzenden roten A 3 Kartons schneidet er unterschiedlichste Formen von Gebäuden heraus und ordnet sie streng wie eine am Reißbrett geplante neue Stadt an. Er greift damit die chinesische Tradition des Papierfaltens auf, zeigt aber auch die unendliche architektonische Gestaltungsvielfalt. Am wenigsten stark spielt die am Eingang befindliche Installation "Prêt-à-Porter" von 2011 auf die Architektur an. Hier zeigt der Künstler eine stark ironische, aber auch die Politiker demaskierende und kritisierende Haltung. Von vorne sehen wir zunächst alte Hutmodels und von Designern gestaltete Hüte. Diese galten und gelten in der Gesellschaft als wichtiges Symbol für Würdenträger oder für die gesellschaftliche Stellung ihres Besitzers. Hinter diese Modelle legt Garaicoa originale Zeitungsartikel aus verschiedenen Ländern, die sich mit Prominenz vor allem aus der Politik beschäftigen. Den Fotografierten setzt er zeichnerisch verschiedene Hutkreationen auf, die voller Schalk, aber auch voll bittrer Anklage sind: Sarkozy mit Narrenkappe neben Merkel mit Stahlhelm. George Bush mit einer Ku Klux Klan-Hochmütze. Und über dem Kopf des iranischen Präsidenten schwebt ein Hutgebilde, das an eine Wolke nach einer Atomexplosion erinnert. Deutlicher als in seinen überarbeiteten Architektur-Fotografien gibt Carlos Garaicoa hier ein klares politisches Statement ab. u" bis 15. Juli, Kunsthaus Baselland, St. Jakob-Strasse 170, Muttenz