Von Claudia Bötsch

Bad Bellingen. Ob im Job, in der Bahn, im Restaurant, im Fitnessstudio, am Lenkrad oder sogar beim Toilettengang: In unserer Gesellschaft gibt es praktisch keinen Ort mehr, an dem die Leute ihre Finger vom Smartphone lassen. Ein Hotel in Bad Bellingen stemmt sich gegen diesen Trend: Dort herrscht seit kurzem striktes Handyverbot.

Die Verantwortlichen verweisen primär auf gesundheitliche Gründe und die hohe Belastung durch Elektrosmog, der man sich nicht länger aussetzen wolle. Schon an der Rezeption des „Hotel Schmid“ werden die Gäste darauf hingewiesen: Handys sind hier unerwünscht. Auch an jedem der rund 20 Zimmer und am Eingang des Restaurants hängen Schilder mit durchgestrichenem Handy. „Wir sind wohl die ersten in Deutschland, die diesen Schritt gehen“, sagen Hoteldirektor Karl Schmid und sein Sohn Christoph, der ebenfalls in dem familiengeführten Hotel arbeitet.

„Wir sind das erste Hotel mit Handyverbot“

Sowohl Handys als auch WLAN, über das man kabellos ins Internet gehen kann, wurden aus dem gesamten Gebäude verbannt. Die Gäste werden gebeten, ihr Handy auf Flugmodus umzustellen oder ganz auszuschalten. Seitdem schmückt man sich mit dem Label „elektrosmog-reduziertes Hotel“.

Schmids legen indes Wert auf die Feststellung: „Das ganze ist kein neues Geschäftsmodell oder irgendein Marketing-Gag, sondern vielmehr aus der Not heraus geboren – aus persönlichem gesundheitlichen Leiden.“ Beide sind überzeugt davon, dass die von Handys ausgehende Strahlung der Gesundheit massiv schadet. Problematisch seien vor allem die internetfähigen Smartphones, die ständig nach Funknetzen suchen und damit eine sehr starke Elektrosmog-Belastung verursachten. Gleiches gelte für die Internetverbindung über WLAN mit sogenannter gepulster Strahlung. Auf WLAN verzichte man allerdings schon seit gut zehn Jahren, weil man schon damals gesundheitliche Beschwerden festgestellt habe. Internet wird seitdem nur über Kabel genutzt.

Eskaliert sei das ganze dann vor etwa zwei Jahren. „Ich hatte unter anderem massive Schlafprobleme sowie Kopf- und Rückenschmerzen und wurde dadurch immer aggressiver“, berichtet Karl Schmid. „Ich fühlte mich wie vergiftet und war körperlich fertig – ich konnte mich einfach nicht mehr regenerieren.“

„WLAN und Handy-Strahlung haben mich krank gemacht“

Irgendwann sei man dann darauf gekommen, dass der neue, direkte Nachbar, die Ursache sein könnte: weil er WLAN nutzte, vor allem auch nachts. Nach einem Gespräch sei der Nachbar jedoch sofort bereit gewesen, auf Kabel umzustellen – „die Beschwerden waren wie weggeblasen“, sagt Karl Schmid. Zwischenzeitlich habe man die ganze Straße aktiviert, auf WLAN zu verzichten. „Die meisten reagierten positiv und folgten unserem Beispiel. Es gibt aber auch sicher welche, die über uns den Kopf schütteln“, wissen Vater und Sohn.

Allerdings habe sich in den letzten zwei Jahren, durch den Boom der Smartphones, das Problem mit dem Elektrosmog deutlich verschärft. „Praktisch jeder hat ein Handy. Im Hotel summiert sich dadurch auf relativ kleinem Raum eine ungeheure Menge.“ Ihn hätte die zunehmende Strahlung krank gemacht, da er nicht nur im Hotel arbeitet, sondern auch wohnt, berichtet Karl Schmid.

In der Winterpause sei man dann vor der Entscheidung gestanden: „Entweder wir schließen – oder wir führen ein striktes Handyverbot ein.“ Eine andere Wahl habe man nicht gehabt. Nichtsdestotrotz seien damit Ängste verbunden, „ob die Gäste mitmachen oder die Übernachtungen einbrechen“. Denn mit den Belegungszahlen sei man bisher durchaus zufrieden gewesen. Schließlich wolle man den Betrieb ja auch in Zukunft weiterführen, betonen Schmids, die in diesem Zusammenhang auch auf die sechs festangestellten Mitarbeiter verweisen. „Es geht nicht darum, dass wir mehr Gäste bekommen. Wir wollen einfach nicht krank werden.“

Da das Handyverbot erst seit 1. März gelte, müsse man die langfristigen Folgen noch abwarten. Die ersten Reaktionen von Gästen seien jedoch durchweg positiv gewesen und von Akzeptanz geprägt. Das liege auch an der Struktur der Gäste, die in der Mehrzahl das Hotel zur Kur und Erholung aufsuchten, im Schnitt „55 plus“ seien und länger bleiben. „Die meisten unserer Gäste sagen, sie brauchen das Handy ohnehin nur für den Notfall – und akzeptieren es.“ Wenn er auf das Handyverbot hinweise, gehe er zuerst auch immer auf den sozialen Aspekt ein, so Karl Schmid. „Denn ohne Handys gibt es auch kein störendes Gebimmel beim Abendessen im Re­staurant. Und das empfinden viele als angenehm.“

Darüber hinaus hätte er in Gesprächen festgestellt, dass viele der Ansicht seien, dass Strahlung durch Handys und WLAN „wahrscheinlich schädlich ist – meist aber mit dem Zusatz, dass man sich dem Fortschritt ja nicht entziehen kann.“ Nicht so begeistert vom Handyverbot seien indes Durchreisende oder Geschäftsleute, die nur für eine Nacht bleiben. Diese Gäste würden aber ohnehin nur einen kleinen Prozentsatz von der Gesamtbelegung ausmachen. „In der Stadt würde das Handyverbot aber sicher unser Todesurteil bedeuten“, sind Schmids überzeugt.

„Handyverbot ist kein Marketing-Gag“

Abgeschnitten von der Außenwelt und vom Internet sind die Gäste des „Hotel Schmid“ aber dennoch nicht. In der Winterpause habe man insgesamt rund 600 Meter Internet-Kabel verlegt – „ein Riesenaufwand“. Die Gäste haben die Möglichkeit, darüber ins Internet zu gehen, das Hotel stellt kostenlos zwölf Notebooks zur Verfügung. Darüber hinaus kann man kostenlos ins deutsche Festnetz und zum Selbstkostenpreis in Handynetze telefonieren.