Basel Albtraumreise in Seelenwelten

Die Oberbadische, 20.05.2017 04:22 Uhr

Von Jürgen Scharf

Basel. Peer ist alt geworden, sitzt vor dem Fernseher, legt die Füße hoch und kippt ein Bierchen. Im Schlaf holt ihn die Vergangenheit ein, er träumt von seinen verflossenen Liebschaften, von Anitra, Solveig und Ingrid. Peer war einmal jung und wild und unbekümmert, ein richtiger Mann, der Holz hackt, sich ein Haus baut (und wenn es nur eine Ikea-Hütte ist), eine Frau freit, Kinder zeugt, Karriere macht.

Peer Gynt ist dieser ruhelos durch die Welt geisternde Fantast, der körperlich und seelisch gebrochen zurückkehrt in seine Heimat. Edvard Grieg hat zu diesem nordischen Faust von Henrik Ibsen die Schauspielmusik geschrieben, die heute kaum noch verwendet wird, sich aber als Ballettmusik gar wunderbar eignet. Das hat man im Basler Theater gesehen, wo das Ballett des Schweden Johan Inger mit dem Basler Ballett, dem Chor des Theaters und dem Sinfonieorchester am Donnerstagabend Uraufführung hatte.

Inger erzählt die Geschichte zu Griegs Bühnenmusik nicht eins zu eins nach, er hat sie aus dem Kontext des norwegischen Nationaldramas gelöst und auf sich selbst gemünzt. Peer ist eine Projektion von Johan, das Alter Ego des Tänzers und Choreografen Inger. Kann das funktionieren? Die Parallelen der Figur des Gynt zu einem eigenen Leben herauszufiltern und zu einem abendfüllenden Ballett zu kreieren? Ja! Es wird eine ganz persönliche Reise dieses „Peer Inger“ durch die Kunstform Tanz.

Peer schlüpft in die Rolle des Tänzers, und statt in Marokko und an fernen Küsten zu stranden, landet er bei Lebensstationen des Ballettomanen Inger, in Tanzcompagnien, wo der gearbeitet hat: der choreografischen Kaderschmiede des Nederlands Dance Theaters und beim Cullberg Ballett des Tanzerneuerer Mats Ek (von dem kurze Originalszenen aus der Tanzgeschichte eingebaut sind, was nicht herausbricht).

Dazwischen findet Ibsen und Grieg statt: Brautraub, Aases Tod, Hardanger-Fiedel, der gewalttätige Peer, der Frauenheld. Immer wieder wird man auf die autobiografische Schiene geholt, verwebt sich die Kunstfigur mit den biografischen Stationen des Ballettmeisters Inger, bis in die witzige Szene beim Vortanzen mit Übungen an der Ballettstange.

Es ist der autobiografische Künstlerroman eines Tänzers und Choreografen. Bis zu dem Moment, wo Peer in Spanien von feurigen Carmens in getupften Flamencokostümen umgarnt wird, aus den originellen puppenstubenähnlichen Ziehharmonika-Kulissen (Bühne: Curt Allen Wilmer) Bodega und Bar erscheinen, und es einen Blackout gibt. Das Bühnenlicht geht aus – kein Kurzschluss der Theaterelektrik, sondern ein kalkulierter und inszenierter Überraschungsmoment!

Das Basler Ballett ist für die Albtraumreise in die Seelenwelten des Gynt bestens aufgestellt. Die Tänzer reden, lachen, stoßen Urlaute aus. Sehr komisch Sergio Bustinduy als Mutter Aase mit Teppichklopfer, anrührend die Sängerin Ye Eun Choi als Solveig. Und Frank Fannar Pedersen als Peer ist ein kraftvoller Held, der am Schluss wieder in den Schoss von Frau und Mutter zurückkehrt.  Termine: 24., 25., 28. Mai