Die Grünen fahren ein historisches Spitzenergebnis ein, die AfD erhält „Zweistellig“ und zieht in den Landtag ein – für die Fortsetzung von Grün-Rot reicht es nicht mehr. Unsere Zeitung hat in Erfahrung gebracht, wie die örtlichen Parteien und Verbände das Ergebnis der Landtagswahl bewerten. Von Tim Nagengast Grenzach-Wyhlen. Jubel auf der einen Seite, Schockstarre auf der anderen: Ganz so leicht lässt sich das Stimmungsbild bei den Grenzach-Wyhlener Parteien und Verbänden nach der Landtagswahl keineswegs beschreiben. Vielmehr herrscht Nachdenklichkeit vor. Hansruedi Oertlin, Grüne: Groß ist die Freude erwartungsgemäß bei den Grenzach-Wyhlener Grünen. „Faszinierend“, bringt es mit Hansruedi Oertlin der stellvertretende Ortsverbandsvorsitzende auf den Punkt. Die Grünen mit Winfried Kretschmann an der Spitze hätten gute Arbeit geleistet, die der Wähler entsprechend honoriert habe. „Jetzt muss aus diesem guten Ergebnis aber etwas Sinnvolles gemacht werden – und das wird nicht ganz einfach“, sagt Oertlin mit Verweis auf das Ende der bisherigen grün-roten Koalition in Stuttgart. Dass die Grünen in Grenzach-Wyhlen 34,8 Prozent der Wählerstimmen auf sich vereint haben, führt Oertlin in erster Linie auf Winfried Kretschmanns Popularität zurück. „Er ist bodenständig, bringt die Sachen richtig rüber, redet klar und deutlich – er ist unser Zugpferd. Er hat auch viele bisherige CDU-Wähler überzeugen können“, glaubt Oertlin. Das gute Abschneiden der AfD ist für ihn derweil „ein Schock“. Michael Nopper, CDU: Zwar ist die CDU zweitstärkste Partei geworden, Ulrich Lusche ist sein Landtagsmandat jedoch los. Das schmerzt, bekundet CDU-Ortsverbandsvorsitzender Michael Nopper. „Ich habe Uli Lusche als unwahrscheinlich sachkompetent, als hervorragend mit den Dingen befasst erlebt“, hält er fest. Dies gelte vor allem für den Bereich Bildungspolitik, der ihm sehr am Herzen liege. „Jetzt haben wir in Stuttgart allerdings eine sehr wichtige und kompetente Stimme verloren.“ Der große Zuspruch für die AfD ist für Nopper indes „fast nicht auszuhalten“. Die wesentliche Aufgabe der kommenden Zeit vor Ort sei daher, „das Gespräch mit den aus Protest Wählenden wieder aufzunehmen“. Robert Blum, SPD: Von „dramatischen Verlusten“ für die Sozialdemokraten spricht deren örtlicher Mit-Vorsitzender Robert Blum. „Und das sogar trotz Rainer Stickelberger“, hält er fest. Für Blum ist das desaströse Abschneiden der SPD ein „Verlust auf drei Ebenen“. Damit spielt er nach eigenem Bekunden auf die in Grenzach-Wyhlen nach außen durchschimmernden Konflikte zwischen Ortsverein und Ratsfraktion an, „aber da sind wir dabei, uns neu aufzustellen und haben das Gröbste hinter uns“. Allerdings dürfe man die „persönliche örtliche Mitverantwortung“ nicht wegdiskutieren. Auf Landesebene ist aus Blums Sicht der Versuch, mit Nils Schmid einen personenbezogenen Wahlkampf zu führen, gescheitert. „Wir werden daher auch über unsere Spitzenleute reden müssen“, sagt Blum. „Kretsch­mann verbreitet Vertrauen – er hat das fantastisch gemacht.“ Die SPD habe als Juniorpartner der Grünen zudem versäumt, selbst eigene Inhalte zu verdeutlichen, „obwohl sie sie hatte“, kritisiert Blum. „Die SPD muss jetzt programmatisch klare Kante zeigen“, fordert er. Das „S“ im Parteinamen müsse für den Wähler zudem sichtbar in den Vordergrund rücken. „Wir müssen auch vor Ort wieder ein eigenes programmatisches Profil entwickeln“, gibt sich Robert Blum kämpferisch. Harry Vogt, FDP: „Grundsätzlich zufrieden“ mit dem Abschneiden der FDP ist ihr Ortsverbandsvorsitzender Harry Vogt. Er wertet das Plus von drei Prozent für die Liberalen als „wichtiges Signal für die Bundestagswahl“ im nächsten Jahr. Dass die Grünen gut abschneiden würden, hat Vogt nach eigenem Bekunden zwar erwartet, „aber nicht derart hoch“. „Denn wenn man die Bildungspolitik, die Wirtschaftspolitik und die Schulden betrachtet, hat Grün-Rot eigentlich vieles an die Wand gefahren – aber niemand sieht’s“, bilanziert Vogt. Die Person Winfried Kretschmann (Vogt: „Er ist relativ neutral für einen Grünen“) habe im Wahlkampf alles überstrahlt, „denn – bis auf vielleicht noch Winfried Hermann –, es gibt viele grüne Minister, die kennt kein Mensch“, will Vogt aus Gesprächen herausgehört haben. Eine grün-rot-gelbe Koalition hält er für ausgeschlossen, „schließlich hat Gelb fünf Jahre lang dagegen gewettert“. Er hoffe, dass die Partei jetzt nicht „umfällt“. Sorgen bereitet dem Grenzach-Wyhlener FDP-Chef indes das Abschneiden der AfD. Vogt: „Das ist eine absolut gefährliche Partei.“ Dies sei vielen Protestwählern nicht bewusst. Vielmehr spiele die Partei mit Ressentiments, habe aber selbst weder Programm noch Ziel. Ralph Gerspach, FW: Nur kurz zum Ergebnis der Landtagswahlen Stellung nehmen wollte der Ortsverbandsvorsitzende der Freien Wähler, Ralph Gerspach. „Die Freien Wähler, die sich der reinen Kommunalarbeit verschrieben haben – dazu gehören wir in Grenzach-Wyhlen – sind von diesen Wahlergebnissen nicht betroffen, und sie haben uns auch in keiner Weise überrascht“, teilt Gerspach mit. Ausdrücklich betonen und klarstellen will er jedoch, „dass wir nichts mit der Landesvereinigung der Freien Wähler zu tun haben, die bei Wahlen auf Landes- und Bundesebene auftreten“.