Lörrach Auf den Spuren der elsässischen Identität

Die Oberbadische, 26.06.2017 23:05 Uhr

Von Veronika Zettler

Lörrach. In der vom Hebelbund veranstalteten Reihe „Literarische Begegnungen“ war am Sonntag ein elsässischer Autor zu Gast, der viel über Sprachen und Dialekte nachgedacht und zu sagen hat: Pierre Kretz, geboren 1950 im elsässischen Sélestat, schreibt Werke auf Französisch und Elsässerdeutsch.

Aufgewachsen ist Kretz in einem katholischen Dorf, wie man auch seinem Debütroman „Der kleine Katholik“ entnehmen kann. Er studierte Jura und betrieb später als bekannter linker Anwalt eine Kanzlei in Straßburg. Pünktlich zu seinem 50. Geburtstag hängte er die Juristerei an den Nagel, um sich seiner anderen großen Leidenschaft, dem Schreiben, zu widmen. Zum Glück, möchte man anfügen, wenn man seine literarisch hochkarätigen Texte über das Leben im Elsass liest – oder hört.

Im Hebelsaal trug der Autor Passagen aus verschiedenen Werken vor. So aus seinem zweiten Roman „Der Seelenhüter“ (2009). Der handelt davon, was die von den jeweiligen Obrigkeiten verordnete nationale und sprachliche Zugehörigkeit für die elsässische Identität (nicht) bedeutete – und zwar „auf eine Weise, die ich so beeindruckend selten in einem Buch gelesen habe“, wie Hebelbund-Präsident Volker Habermaier in seiner Einführung rühmte.

Kretz erzählt etwa, wie das Deutsche Kaiserreich ab 1871 das Nötige tat, um die Elsässer der französischen Sprache zu entwöhnen. Als Emil, der Urgroßvater des Ich-Erzählers, 1919 die Schule der französischen Republik kennenlernt, gibt es nur eine offizielle Sprache – die französische – im Elsass aber finden sich kaum mehr Leute, die Französisch hätten unterrichten können.

Witzig wird die Erzählung, als Emil, der nur Deutsch spricht, von einem aus Marseille entsandten Lehrer unterrichtet wird, der wiederum nur Französisch spricht. Die elsässischen Lehrer sind derweil zur Umschulung ins sogenannte inneren Frankreich geschickt worden.

Als Pierre Kretz 1950 geboren wird, hat das Elsass eine weitere deutsche Zugehörigkeit seit fünf Jahren hinter sich. Ein Wunder, dass „mer nit noher verruckt gworde sin“, schmunzelt Kretz.

Die Zuhörer – wegen des heißen Sommersonntags waren es nicht allzu viele – applaudierten auch der Geschichte über das Wiesental, das Kretz irrtümlich für ein Mattental hielt – er schrieb den wortwitzigen Text vergangenes Jahr als Teilnehmer von Markus Manfred Jungs Mund-Art-Literaturwerkstatt.

Zum Schluss servierte der Autor mit dem Monolog „Ich ben a beesi Frau“ ein großartiges und außergewöhnliches Stück Mundartprosa. Der Text kann als Hörspiel auf den Internetseiten von SWR und SRF auf Elsässisch, Alemannisch und Schweizerdeutsch nachgehört werden.