Lörrach „Bin dann mal (nicht wirklich) weg“

Die Oberbadische, 03.03.2014 20:47 Uhr

Von Guido Neidinger Lörrach. Wer hat wem, was eingebrockt" Eine einfache Antwort auf diese simple Frage gab es an der gestrigen „Rotssuppe“ mit ihren grübelnden Zunftmeistern, forsch auftretenden Gastrednern und einem wehmütigen Noch-Stadtoberhaupt im Lassersaal nicht. Deshalb einigten sich alle zunächst einmal darauf, die Suppe, die ihnen Lasserwirt Klaus Brunner „eingebrockt“ hatte, gemeinsam auszulöffeln. Doch mit der Gemeinsamkeit war es danach vorbei. Die alte Weisheit, dass ein voller Bauch nicht gerne streitet, galt gestern nicht. Da wurde närrisch-gnadenlos mit Dauer-Leserbriefschreibern ebenso abgerechnet wie mit der Amtsbrecherin Gudrun Heute-Bluhm. Letztgenannte schaffte übrigens das Triple: Sie erhielt zum dritten Mal den Drochehülerorden für „ihr Streben nach Höherem“ und ihre Entscheidung, „das erstrebenswerteste Amt, welches Mitteleuropa zu bieten hat, nämlich die Stadtführung zu Lörrach, durch einen Allerweltsjob in Stuttgart“ zu ersetzen. Zunftmeister Andreas Glattacker gab ihr folgenden Merk-Spruch mit: „De Trollinger erhöht zwar au de Pegel. Doch numme z’Lörrach bliebsch au guet und edel.“ Nach einem noch nie dagewesenen Marathon mit neun Zunftabenden hatten die Zunftmeister ihre närrische Frische erstaunlicherweise noch nicht eingebüßt. Mit sechs Vorträgen wussten sie ihr Publikum im – nun ja, nicht ganz gefüllten Saal zu begeistern. Vor allem der Nachwuchs durfte noch mal ran. Christoph Schuldt outete sich als Olympiafan. Nach dem olympischen Motto „Dabeisein ist alles“, nahm er von morgens bis nachts im Fernsehsessel an den Olympischen Spielen in Sotschi teil. Philipp Buser gab seine Erlebnisse als Flugzeugelektriker auf dem Zürcher Flughafen zum Besten und bekannte, dass noch kein Flugzeug, das er repariert hat, oben geblieben ist. Claus Ciprian-Beha und Hansi Gempp knöpften sich hemmungslos, das kurz vor dem Absprung nach Stuttgart stehende Stadtoberhaupt Gudrun Heute-Bluhm vor. Ciprian-Beha gab Heute-Bluhm schon mal einen Vorgeschmack auf ihren künftigen kulinarischen Niedergang im Schwabenland. Er schenkte ihr zwei Saitenwürschtle und eine Dose Linsensuppe und warnte sie vor dem fatalen Irrtum, dass die „Wilhelma“ die Frau von Ministerpräsident Kretschmann sei. Goldene Zeiten nach der Gudrun-Ära prophezeite indes Hansi Gempp: „D’Gudrun goht, dä Hansi chunnt. Lörrach erlebt so mäng schöni Stund.“ Womit klar war: Der Dauer-OB-Kandidat Hansi, der sowohl Offergeld als auch Heute-Bluhm seinerzeit den Vortritt ließ, will’s jetzt packen und OB werden. Im Besitz von Krawatte, Hemd und Aktenmappe, fühlt er sich bestens für den Job gerüstet. Eine Replik auf seine Rolle als Pausenclown und Conférencier an den Zunftabenden bot Andreas Glattacker als Pöstler. Unter dem Motto „Ich bin dann mal (nicht wirklich) weg“, reimte Gudrun Heute-Bluhm, nachdem Oberzunftmeister Stephan Vogt und sein Stellvertreter Andreas Glattacker sie zum dritten Mal mit dem Drochehüler-Orden dekoriert hatten, der Stadt einen wahren Liebeskranz. Den Grund, warum sie der Stadt (aber nicht wirklich) den Rücken kehrt, gab sie ebenfalls preis. Es sind nicht Trollinger oder das große Geld, sondern hehre Motive: Botschafter für Lörrach und die Region möchte sie in Stuttgart werden, „damit unsere Bürger mehr vom großen Steuerkuchen bekommen“. Dafür will sie sich in der Landeshauptstadt einsetzen. Für soviel Pathos gab es stehende Ovationen. War da der Zunftmeister-Lehrsatz gut eine Stunde zuvor: „An ihren ungehaltenen Versprechen sollt ihr die Politiker messen“, schon wieder vergessen" Nicht nur die Zunftmeister liefen noch einmal zur Höchstform auf. Bürgermeister Michael Wilke präsentierte sich als lebender Beweis dafür, dass der Mann an seinen Aufgaben wächst. Nach 40 fasnächtlichen Veranstaltungen kam er zu dem Ergebnis: „Am Anfang nimmt’s kein Ende, und am Ende auch nicht.“ Noch bis zur Basler Fasnacht muss Wilke durchhalten, bevor er sich wieder im Rathaus ausruhen darf. Höchst amüsant schilderte er seine Erlebnisse als Protektor (siehe „Guten Morgen“). Hubert Bernnat, ein Gastredner mit Zunftmeister-Gen, ließ seinen Gedanken freien Lauf. Natali Fessmann und Karl-Heinz Breuer adelte er als „zwei Vertreter des Philosphischen Quartetts der Lörracher Leserbriefschreiber“ und appellierte an die Stadt, auf Leserbriefe eine kommunale Gedankensteuer zu erheben. Auch Schweizer Gäste mit Felix Drechsler an der Spitze durften trotz Abgrenzungs-Abstimmung närrische Grußbotschaften überbringen, bevor Stephan Vogt die Ratssuppe beendete und dabei Gudrun Heute-Bluhms ultimative Abschiedsrede vergaß. Nun ja, bei soviel „Gudrun good bye Gudrun“, kann das ja mal vorkommen.

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