Lörrach. Auf Einladung des Behindertenbeirats fand während eines Gaststättentests ein Austausch über Barrierefreiheit, Behindertenfreundlichkeit und -tauglichkeit von Gastronomiebetrieben sowie typischen Muster der Interaktion zwischen nichtbehinderten Menschen und Menschen mit Behinderung statt.

Mitunter werden Kleinigkeiten zur Barriere und das oftmals vermeintlich subjektiv als richtig empfundene Verhalten, kann aus Sicht von Rollstuhlfahrern oder Blinden unhöflich sein. Die Besucher und das Servicepersonal der Lörracher Gaststätten verhielt sich in der Mehrzahl freundlich und bemüht, deutlich wurden aber die Unsicherheiten und Berührungsängste von nichtbehinderten Menschen gegenüber Menschen mit Behinderung, so die Stadt in einer Mitteilung.

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Dirk Furtwängler, Vorsitzender des hiesigen Behindertenbeirats, lud neben Fachbereichsleiterin Isabell Krieg und Pressesprecher Steffen Adams auch Philipp Hensel vom Beirat für Menschen mit Behinderung der Stadt Freiburg ein, das Lörracher Nachtleben zu erkunden.

Im Zentrum des Tests stand das Thema „Barrierefreiheit“ und die Frage, wie Gäste und Servicepersonal auf Menschen mit Behinderung reagieren. Furtwängler ist blind, Hensel hat eine angeborene Querschnittslähmung – wie der Test zeigte, wenden sich Dritte häufig überwiegend an die Begleitung der Menschen mit Behinderung. Anstatt Furtwängler oder Hensel direkt anzusprechen, wurden Essen- und Getränkewünsche bei Begleitern abgefragt.

Auch bei Herausforderungen wie etwa einer steilen Treppe oder einem schmalen Eingang wurden die „Experten“, die betroffenen, behinderten Teilnehmer der Tour nicht involviert. Diese fragten sich: Warum wird nicht direkt mit den Menschen geredet, sondern über sie hinweg?

Neben dieser offenkundigen Hilflosigkeit existiert zudem das gegensätzliche Extrem einer vorauseilenden Hilfe. „Mich haben schon Menschen durch die Stadt gezogen, um mir Wege zu zeigen, die ich nie betreten wollte“, spitzt Furtwängler diese Unterstützung zu.

Das heißt: Hilfe anzubieten ist höflich, allerdings müssten nichtbehinderte Menschen auch akzeptieren, wenn Hilfe nicht in Anspruch genommen werden wolle. Ob kurzfristige Begegnung oder langes Gespräch: In der Kommunikation verfallen nichtbehinderte Menschen in typische Muster, die in der Rolle eines Menschen mit Behinderung als unnötige Sonderbehandlung erscheinen.

Der Praxistest zeigte auch: Taucht beim Betreten einer Gaststätte eine Barriere auf, realisieren dies auch die Gäste, zögern zeitweise kurz, bieten aber Hilfe an und öffnen etwa Flügeltüren oder gehen zumindest aus dem Weg.

Die Tester steuerten sechs Betriebe an, wobei in vier Gaststätten eine Bestellung aufgegeben werden konnte, obwohl auch diese Gaststätten nicht alle barrierefrei waren. Das Fazit zur Barrierefreiheit ist durchwachsen. Bei zwei Gaststätten verhinderten hohe Stufen oder eine steile Treppe den eigenständigen Zugang, so dass nur das Engagement von Helfern den Zutritt ermöglichen kann. Auch bei den weiteren Betrieben stellten enge Türen oder schmale Durchgänge eine Einschränkung dar oder das Inventar wurde zur Herausforderung.

Furtwängler wünscht sich den kontinuierlichen Abbau von Unsicherheiten und Berührungsängsten: „Menschen mit Behinderung können vorab den Ausflug ins Nachtleben planen, zudem zeigt unser Praxistest eine große Hilfsbereitschaft. Dies sind mindestens zwei starke Argumente, die es verbieten sich zu Hause einzuigeln. Nichtbehinderten Menschen rate ich Hemmungen abzubauen und einer Unklarheit durch eine Recherche über ratsame Verhaltensregeln entgegenzuwirken.“