Lörrach Zehntausende strömen zum Hebelfest

Die Oberbadische, 04.05.2017 22:00 Uhr

70 Jahre Hebeltag und Hebelbund

Der Hebeltag vor 70 Jahren war für Lörrach und die Region ein ganz besonderes Ereignis. Zudem wurde der Hebelbund Lörrach 1947 gegründet. Er ist bestrebt, das Wirken und das Werk Johann Peter Hebels im Bewusstsein zu erhalten und den Menschen neu zu vermitteln. Diesen beiden Ereignissen widmen wir im Vorfeld des Hebeltags am Sonntag in unserer heutigen und morgigen Ausgabe jeweils eine Sonderseite.

Von Markus Moehring

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Einen solchen Tag hatte es bis dahin noch nicht in Lörrach gegeben: Fast die gesamte Bevölkerung war für das Hebelfest am 11. Mai 1947 auf den Beinen. Auch aus der Umgebung strömten Zehntausende nach Lörrach, allein aus der angrenzenden Schweiz kamen mehr als 18 000 Besucher. Für sie war die Grenze dazu für einen Tag geöffnet worden. Die große Geburtstagsfeier für Johann Peter Hebel löste eine Welle der Begeisterung aus. Zeitzeugen berichten davon bis heute voller Emotionen. Wie war es möglich, dass Johann Peter Hebel 121 Jahre nach seinem Tod solche Menschenmassen in Bewegung setzte? Ein Blick in die Zeit gibt Antworten und zeigt, warum dieses Ereignis bis heute so intensiv nachwirkt.

Hebel als Hoffnungsträger der Nachkriegszeit

Als Lörrach 1947 Hebels Geburtstag feierte, lag das Kriegsende erst zwei Jahre zurück. Die Folgen des Krieges prägten den Alltag: Nahrungsmittel, Heizmaterial, Kleidung und Wohnungen waren knapp, der Hunger weit verbreitet. Weit über 1000 Männer aus Lörrach waren tot, als Soldaten gefallen, viele weitere noch in Kriegsgefangenschaft. Kontakte in die Schweiz waren seit Jahren unterbrochen, die Grenze geschlossen. Moralisch stand Deutschland wegen der Verbrechen des NS-Regimes am Pranger. Einen deutschen Staat gab es nicht, Südbaden gehörte zur Französischen Besatzungszone und wurde von Militärs regiert.

In dieser Situation wurde Johann Peter Hebel zum Vorbild und Hoffnungsträger für eine bessere Zukunft. Sein christliches Weltbild war so ganz anders als das der NS-Ideologen, sein Werk vermittelte Werte wie Toleranz und Menschlichkeit. Zudem stand Regionales hoch im Kurs, nachdem der Zentralstaat der Nationalsozialisten zur Katastrophe geführt hatte. Auch hierfür stand Hebel: Dass er im Wiesentäler Dialekt gedichtet hatte, verhalf den Alemannen durchaus zu größerem Selbstbewusstsein. Mundart war im Lörrach von 1947 noch weit verbreitet und wurde von der großen Mehrheit der Bevölkerung im Alltag ganz selbstverständlich gebraucht. Und Hebel wirkte irgendwie nah, hatte er doch von 1783 bis 1791 selbst in Lörrach gelebt. Im heutigen Dreiländermuseum, dem damaligen Pädagogium, hatte er ein Zimmer bewohnt und als Lehrer unterrichtet. Gerade in Lörrach sah man in der Nachkriegszeit deshalb große Chancen, mit Johann Peter Hebel Grundlagen für eine bessere Zukunft zu bauen.

Hebeltag 1947 – ein riesiges Fest

Vor diesem Hintergrund löste das Hebelfest am 11. Mai 1947 große Begeisterung aus. Zehntausende strömten in die Stadt. Den Gedenkgottesdienst in der Stadtkirche hielt ein Basler, Prediger Dr. Dieterle, ein besonderes Zeichen so kurz nach dem Krieg. Am Nachmittag führte ein feierlicher Umzug mit Musikkapellen, Gesangsvereinen, Trachtengruppen und Festwagen durch die Innenstadt. Ihm folgte eine Feierstunde im Hebelpark, ebenfalls ein emotionaler Ort. Erst ein Jahr zuvor war dort das Hebel-Denkmal feierlich wieder auf seinen Sockel gestellt worden, nachdem es im Krieg nicht wie angeordnet für die Rüstung eingeschmolzen worden war. Besondere Euphorie löste die Genehmigung der französischen Besatzungsbehörden aus, Schweizerinnen und Schweizern zum Hebeltag den Zutritt nach Lörrach zu genehmigen. Seit Jahren war die deutsch-schweizerische Grenze für die Bevölkerung geschlossen, jetzt stürmte sie in Basel die Polizeiposten, um einen Tagespassierschein zu erhalten. Über 18 000 Schweizerinnen und Schweizer erhielten die Erlaubnis für den Grenzübertritt nach Lörrach zum Hebeltag.

Logistische Herausforderung

Das Riesen-Fest war eine enorme logistische Herausforderung für die Lörracher Stadtverwaltung. Trams der Basler Verkehrsbetriebe fuhren im Drei-Minuten-Tag zur Grenze in Riehen, erstmals nach dem Krieg verkehrte die Tram auf badischer Seite auch wieder bis zum Bahnhof Lörrach. Für Viele war der Hebeltag die erste Gelegenheit seit Jahren, sich wieder zu sehen. Schweizer Gäste brachten Geschenke für die Not leidende Bevölkerung im Markgräflerland. Auch die Bewohner des übrigen Landkreises benötigten damals Passierscheine, um nach Lörrach zu kommen und erhielten sie umfassend für den Hebeltag. Die Besatzungsbehörden genehmigten Tanz bis Mitternacht, damals noch eine ungewohnte Ausnahme. So wurde der Hebeltag 1947 zum ersten großen Fest nach dem Krieg und zu einem großen Tag der Begegnung auch über die Landesgrenze hinweg.

Weitere Informationen: www.hebelbund.de

Info

Hebelsonntag in Lörrach: Der Hebelsonntag  findet am Sonntag, 7. Mai, statt. Er beginnt um 10 Uhr mit dem Hebel-Gottesdienst in der Lörracher Stadtkirche, die Predigt hält Basels Münsterpfarrerin Caroline Schröder Field. Um 11.15 Uhr folgt das Schatzkästlein im Hebelsaal des Dreiländermuseums. Es begrüßen Hebelbund-Präsident Volker Habermaier und Oberbürgermeister Jörg Lutz. Die Festrede hält Markus Moehring zum Thema „J.P.Hebel als Orientierung in schwerer Zeit. Zur Gründung des Hebelbunds vor 70 Jahren“. Höhepunkt ist die Verleihung des Hebeldankes an die Schweizer Künstlerin Bettina Eichin.

Der Autor

Markus Moehring wurde im Jahr 1958 in Lörrach geboren. Er studierte Geschichte, Volkskunde und Sprachwissenschaft in Freiburg und Hamburg. 1988 wurde er Leiter des Oberrheinischen Bädermuseums Bad Bellingen, seit 1991 ist Moehring erster hauptamtlicher Museumsleiter in Lörrach. Er ist Herausgeber der Schriftenreihe Lörracher Hefte, Mitherausgeber des Jahrbuchs Lörrach und  Autor insbesondere zu regionalgeschichtlichen und museologischen Themen.

 
 

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