Müllheim Mahnmal gegen den Wahnsinn

Weiler Zeitung, 18.03.2014 23:27 Uhr

Müllheim / Auggen (do). Eigentlich möchte man dem sanft lächelnden weißhaarigen Mann, der fast schüchtern wirkt, die Rolle des Rebellen gar nicht abnehmen und doch: Mit seinem Entschluss, ganz alleine in seiner Heimatstadt Tomioka im atomaren Sperrbezirk um den japanischen Unglücksmeiler Fukushima weiterzuleben, ist Naoto Matsumura weiter gegangen als die meisten Atomkraftgegner weltweit.Bei der jüngsten Montagsdemo des Aktionsbündnisses „Stopp Fessenheim“ berichtete Matsumura von der desolaten Situation um das havarierte Atomkraftwerk, die Lügen der Behörden und das Schicksal der Haustiere, die im Sperrbezirk elendiglich verhungerten. In seinem Heimatdorf, das einst rund 16 000 Einwohner beherbergte, lebt Matsumura jetzt allein und versorgt 33 Kühe, zwei Katzen, ein Pferd, einen Hund, einen Vogel Strauß und zwei Wildschweine. Nach der Demo, zu der sich auch drei Mädchen aus der Rosenburg-Grundschule mit ihrer Lehrerin Doris Grässlin eingefunden hatten, gab es im Auggener Obsthof Rüdlin eine Premiere: Erstmals veranstalteten hier der Badische Landwirtschaftliche Hauptverband (BLHV) gemeinsam mit dem Aktionsbündnis einen Informationsabend mit Matsumura als Gast. Ein bisschen kam „Wyhlerwald-Stimmung“ auf, so wie damals, als sich Bauern und Intellektuelle gegen den Bau eines Atomkraftwerks vor dem nördlichen Kaiserstuhl erfolgreich verbündet hatten. Denn auch die hiesigen Landwirte sind, wenn es in Fessenheim zu einer ähnlichen Katastrophe wie in Fukushima käme, die am stärksten Betroffenen. Sie können ihr Hab und Gut nicht mitnehmen, sie leben vom gesunden Boden und Wasser, den Voraussetzungen für die Produktion gesunder Lebensmittel. Darauf wies Michael Fröhlin, der Vorsitzende des BLHV-Kreisverbandes hin. Er ist der am höchsten verstrahlte Mensch Auch um Fukushima wurde Obst angepflanzt, dazu Reis und Gemüse, jetzt bleiben die Bauern, wenn sie ihren Anbau weiter betreiben, auf der Ware sitzen, berichtete der Gast aus dem Katastrophengebiet. Die Felder seien zudem vom Tsunami ruiniert. Da sich die Radioaktivität nicht gleichmäßig überall verteilt habe, gebe es auch auf als gesund geltenden Feldern strahlende „Hotspots“, die eine Beurteilung der Qualität des Reises erschwerten. „Ich drücke Ihnen die Daumen, dass Ihnen das nicht mit Fessenheim passiert“, sagte Matsumura. Für die Übersetzung sorgte ein Tandem aus einer japanischen Muttersprachlerin und dem Deutschen Joachim Eitel, der zehn Jahre in Japan lebte. Die von ihrem Grund und Boden vertriebenen japanischen Landwirte, denen man erst erzählt hatte, sie könnten nach einigen Wochen wieder nach Hause, sitzen jetzt ohne Beschäftigung herum in den von der Betreibergesellschaft Tepco finanzierten Notunterkünften und unterstützt mit einem monatlichen Zuschuss von umgerechnet etwa 1000 Euro. Das sei zunächst eine Lösung für fünf Jahre, wie es dann weitergehe, könne keiner sagen. Es dauerte ein bisschen, bis die Interessierten begriffen, dass Matsumura die Tiere nicht um des eigenen Nutzens willen versorgt, sondern um ein Mahnmal gegen den menschlichen Wahnsinn und für den verantwortungsvollen Umgang mit der Natur zu setzen. In seiner Abwesenheit kümmere sich sein Bruder um sie, erzählte er. Ob er sich denn krank fühle, wo ihm doch ein japanischer Arzt bescheinigt hatte, er sei der am höchsten verstrahlte Mensch, den er untersucht hätte" „Momentan merke ich nichts“, meint er. Vielleicht in fünf oder zehn Jahren, das könne sein. Tiere liegen wie weggeworfenes Spielzeug im Dreck Einsam ist sein Tagesablauf, aufstehen um 6.30 Uhr, dann im Internet schauen, was so los ist, dann frühstücken und die Tiere füttern, und bald sei der Tag vorbei. Abends ein zwei Gläschen Sake. „Der Mensch gewöhnt sich an alles“, meint Matsumura mit seinem schüchternen Lächeln. Sein Begleiter, der japanische Fotograf Ren Yabuki, zeigt derweil einen Ordner mit Fotos von den verendeten Tieren und den Schlachtkommandos, wie sie die übrigen töten. Das geht zu Herzen, auch Katzen und wuschelige kleine Hunde sind zu sehen, die wie weggeworfenes Spielzeug im Dreck vermodern. Die Zuhörer sind beeindruckt, ein Mann hat als Geschenk eine Kerze mitgebracht, außerdem geht eine Spendenkasse herum, mit der man dem Einsamen zum Schluss eine Freude machen möchte. Nach seinem mit vielen Terminen und Auftritten in Südbaden und im Elsass gespickten Aufenthalt wird Matsumura gegen Ende der Woche wieder in seine menschenleere Heimat zurückfliegen. Seine Geschichte ist in einem 19-minütigen Video auf YouTube zu sehen unter dem Stichwort „Alone in the Zone“.

 
 

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