Regio Auf den Spuren von Energie und Farbe

hau, 31.07.2015 23:02 Uhr

"StreetArt Basel & Region" heißt der schweizweit erste Städte-Kulturführer, der sich mit dieser Kunstrichtung beschäftigt und die "Hot Spots" im Dreiländereck vorstellt (wir berichteten). Über den jüngst erschienenen Band, der sich an Städtetouristen und Einheimische gleichermaßen richtet, unterhielt sich Gabriele Hauger mit dem Herausgeber und ausgewiesenen StreetArt-Fan Kai Hendrik Schlusche.

Herr Schlusche, was fasziniert Sie an der so genannten Street Art?

Die Energie, die Farbe, der Ausdruck - alles, was mich auch an der "normalen Malerei" begeistert.

Wann sind Sie auf diese Kunstrichtung aufmerksam geworden?

Vor rund sieben Jahren habe ich für einen Rohneubau mit sehr hohen Wänden nach spannender, zeitgenössischer Kunst gesucht. Die Bilder, die mir gefielen, waren einfach unerschwinglich. Über einen Artikel in einem Architekturmagazin bin ich dann auf die Arbeiten zweier Schweizer Graffiti-Künstler gestoßen, die in einem Apartment von Gunter Sachs die Wände gestaltet hatten. Diese Bilder begeisterten mich. So etwas wollte ich auch haben.

Einer dieser zwei Künstler war Sigi von Koeding.

Genau. Ich erfuhr, dass er aus der Regio stammt und sein Atelier im Weiler Kesselhaus hat. Da bin ich einfach hingefahren, habe ihn schließlich kurz vor Mitternacht getroffen. Daraus hat sich eine richtige Freundschaft entwickelt, die leider nicht lange dauerte, da er nur ein Jahr später mit 41 Jahren verstarb. Sein Künstlerpseudonym war DARE. Und über ihn lernte ich sehr viel über Graffiti-Kunst, Street Art, Urban Art, über die verschiedenen Styles und bekam auch Kontakt zu anderen Szene-Künstlern. Die Begegnung war für mich ein Schlüsselerlebnis.

Behandelt Basel Ihrer Meinung nach die Street Art stiefmütterlich?

Basel versteht sich ja als eine der großen Kulturhauptstädte Europas. Wenn man sich die Museumsdichte anschaut oder die Massen, die zur ART strömen, ich dann aber im Internet die Rubrik "Culture Unlimited" anklicke und keine einzige Erwähnung zur Street Art finde, ist das doch verwunderlich. In anderen Kulturmetropolen wie Barcelona, London, Paris, Berlin, selbst Köln und München gibt es Street Art Bücher - nur in Basel bis vor wenigen Wochen nicht, wie übrigens in der ganzen Schweiz nicht.

Die Schweizer gelten als konservativ. Glauben Sie dass die Vernachlässigung der Street Art daran liegt, dass diese noch ein gewisses Schmuddel-Image hat?

Die Umstrittenheit der Street Art findet ja auch in den Städten statt, in denen es Bücher zu dieser Kunstform gibt. Dass die Street Art insgesamt umstritten ist, kann ich sogar verstehen.

Warum?

Weil die Bandbreite so groß ist. Es wird ja aus ganz unterschiedlichen Motiven gesprayt: Da ist zum einen das typisch adoleszente Revierverhalten. Dann gibt es politische oder Liebeskummer-Parolen. Des Weiteren wird künstlerisch Ambitioniertes, auch Überraschendes im öffentlichen Raum platziert. Und auch die Werbung hat inzwischen dieses Genre für sich entdeckt. Dieses gesamte Spektrum läuft unter dem Stichwort Street Art. Selbst, wenn Sie Künstler fragen, wo sie die Grenze ziehen und wie sie Street oder Urban Art definieren, bekommen sie keine einheitliche Antwort.

Wie definieren Sie Street Art?

Graffiti kommt von der grafischen Handschrift, es geht um Buchstaben. Die Schrift wurde dann künstlerisch weiterentwickelt. Das hat zum Beispiel Sigi von Koeding gemacht, mit 3 D-Wirkung und einer ungeheuren Tiefe. Er hat einmal gesagt: "In meiner Schrift steckt mein Seelenleben". Dieser Spur folgt so mancher Künstler, der inzwischen auch in Galerien ausstellt.

StreetArt wiederum umfasst viele andere Techniken, die im öffentlichen Raum zu finden sind. Dazu zählen Schablonen-Arbeiten, kleine Installationen, Aktionen, mit denen man das Publikum in der Öffentlichkeit überraschen will. Und Urban Art ist der Überbegriff dafür.

Gefällt Ihnen an der Street­Art das Demokratische? Jeder kann machen, jeder kann kostenlos zusehen?

Viele Künstler finden das Demokratische an dieser Kunst toll. Andererseits ist ja auch bei der StreetArt nicht ganz klar, ob die bemalte Fassaden bezahlte Kunst zeigt oder ob sie wirklich frei entstanden sind. So ganz stimmt das mit der Freiheit also auch nicht.

Warum haben Sie keinen Basler Verlag gewählt?

Ich habe drei Schweizer Verlage angefragt, bin aber nur auf reserviertes Interesse gestoßen. Als Verlag mit ausgewiesener Kompetenz für Art-Books bin ich auf den Hamburger Gudberg Nerger Verlag gestoßen. Ich bin mit dem Layout des End-Produktes sehr zufrieden.

An wen richtet sich Ihr Band?

Weniger an die Sprayer selber, für die ist das Schnee von gestern. Meine Haltung ist, dass es so viel Energie und Kreativität in diesen Street Art-Arbeiten gibt, dass dies auch für normale Städtetouristen interessant ist. Das sind durchaus Menschen 50 plus, die in Basel in den üblichen Museen waren und dann fragen: Was gibt es denn hier sonst noch Spannendes? Solche Typen, die neugierig und offen für neue zeitgenössische Kunst sind, für die ist so ein Band als Handhabe durchaus sinnvoll.

Wie erfahren diese vom neuen Kulturreiseführer?

Ich kann mit ein wenig Stolz sagen, das inzwischen die "Big Four" der hiesigen Museumslandschaft - die Fondation Beyeler, das Vitra Design Museum, das Kunstmuseum Basel und das Tinguely Museum -­ das Buch in ihren Museumsshops anbieten.

Wie haben Sie das Buch strukturiert?

Zunächst gibt es eine Einleitung über die verschiedenen Styles der Street Art. Der zweite Teil befasst sich mit den Orten im Dreiländereck, die eine Häufung von Street Art aufweisen, die ich "Hot Spots" nenne. Dann habe ich den Künstler Sigi von Koeding alias DARE vorgestellt, weil er ein herausragender Pionier der Street Art war. Dann präsentiere ich die Künstler, die hier in der Regio tätig waren oder sind, die an großen Fassaden oder an Ausstellungen mitgewirkt haben.

Haben Sie alle Orte persönlich besucht?

Natürlich. Ich war an allen Hot Spots, habe einige Wochenenden mit dem Rad im Dreiländereck recherchiert. Die vorgestellten 25 Künstler kenne ich bis auf zwei alle persönlich.

Was ist Ihr Lieblings HotSpot und warum?

Jeder hat seine eigene Geschichte und besondere Note. Von daher fällt mir ein Ranking schwer. An einem Ort wie der Basel Linie wird man von der Farb- und Formenvielfalt fast "erschlagen", am Rheinhafen hingegen muss man schon manchmal ein bisschen suchen, um mehrere Kunstwerke des Brasilianers Zezao, zum Beispiel unter einer Brücke zu entdecken. Mit dem Rad schafft man aber alle Hot-Spots an einem Tag.

Wie ist die bisherige Resonanz auf das Buch?

Einen Überblick über die Verkaufszahlen habe ich noch nicht. In der größten Basler Buchhandlung ist der Band aber seit zwei Monaten unter den Top-Ten der Sachbücher, zwischendurch auch mal einen Platz hinter Thomas Gottschalks "Herbstblond"!

KURZINFO

StreetArt Basel & Region, Kai Hendrik Schlusche, Gudberg Nerger Verlag, 240 Seiten, D/Engl., 19,90 Euro