Schopfheim Gesund im Freien, gesund im Matsch

Markgräfler Tagblatt, 14.08.2017 00:00 Uhr

Von Petra Martin

Die Fahrnauer Kinder sind auf Zack. „Da wird der neue Kindergarten gebaut“, sagt ein kleiner Junge zu seiner Schwester - beide steuern mit ihren Rädern den Spielplatz in der Hans-Vetter-Straße an. Die Kinder sind bestens informiert: Hinter dem Spielplatz entsteht derzeit der neue Naturkindergarten der Stadt Schopfheim.

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Schopfheim-Fahrnau. Am ruhigen Wasserlauf des Spielplatzes beobachtet ein anderer Junge die Fische, in der Nähe ist das Rauschen des Wieseflusses zu hören, ansonsten ist es still. Es ist ein idyllischer Ort, wie geschaffen für einen Naturkindergarten, den die Stadt an dieser Stelle auf ihrem Grundstück, einer grünen Wiese, baut.

Es ist kein üblicher Kindergarten mit vielen Räumen; nur ein roter Bauwagen schmückt das Gelände. Denn die Kinder werden sich überwiegend im Freien aufhalten. Im Bauwagen gibt es einen großen Tisch, eine Toilette, eine Heizung, Regale, einen Schrank und einen Ruhebereich. „Mein Naturerlebnistag“ heißt eines der Bücher, die schon im Regal stehen.

Am 4. September darf der Naturkindergarten in Betrieb genommen werden, dann liegt die Betriebserlaubnis vor. Maria Sichtling und Marius Martin, beide Erzieher mit jeweils einer ganzen Stelle, sind in den Sommerferien dabei, den Bauwagen wohnlich einzurichten und alles für den Einzug der 20 Kinder vorzubereiten. Eine weitere Kraft (keine Vollzeitstelle) und ein Anerkennungspraktikant werden ebenfalls mit von der Partie sein, wenn der Naturkindergarten eröffnet wird.

„Wir bauen für die Zukunft der Kinder“, sagt Bertram Ludwig, Leiter der Fachgruppe „Gebäudemanagement“ bei der Stadtverwaltung. „Die Kosten belaufen sich auf 300 000 Euro. Viele Bodenarbeiten waren nötig.“ Das Besondere ist, dass der Naturkindergarten über Strom-, Wasser- und Abwasseranschluss verfügt; der Waldkindergarten hat das nicht. Ebenfalls anders als der Waldkindergarten, der keine Toilette hat und der sich an der Waldpädagogik orientierend, den Tag im Wald aufhält, wird der Naturkindergarten im Bremt über einen Außenbereich mit Spielgeräten verfügen.

So wird es einen Hügel mit Rutschbahn, Balancierstangen aus Bambushölzern und einen Matschbereich geben. Außerdem werden Obstbäume gepflanzt, und es gibt ein Gemüsebeet. Ab und zu werden die Erzieher mit den Kindern den Schopfheimer Wochenmarkt besuchen; geschätzt wird übrigens auch die Nähe zum Spielplatz mit dem Wasserlauf nebenan.

Die nächste Besonderheit: Der Naturkindergarten wird unter der Regie der städtischen Kita Bremt betrieben. Deren neue, aber erfahrene Leiterinnen, Jasmin-Knupfer-Deiss und Babette Schmidt-Limberger, bilden eine Doppelspitze nach dem Ausscheiden der langjährigen Leiterin Anne ­Joachimi und werden auch Regie beim Naturkindergarten führen.

Obwohl in der Natur ­beheimatet, liegt der Naturkindergarten nahe an der Bebauung im Bremt und ist somit leicht erreichbar, auch für Eltern, die ihre Kinder mit dem Fahrrad bringen. Für die Zeit, in der die dortige marode Brücke erneuert wird, ist vorgesorgt: Es wird eine Sammelstelle in der Hammerschmiedgasse geben. „Da ist morgens um 7.30 Uhr Treffpunkt, dann laufen die Erzieherinnen mit den Kindern um die Kleingartenanlage herum zum Naturkindergarten“, erläutert Jacqueline Dumont.

Die Fachgruppenleiterin bei der Kita Bremt, die erst kürzlich mit einem Qualitätssiegel der Forschungsgruppe Verhaltensbiologie des Menschen ausgezeichnet wurde (wir berichteten), weiß um die Beliebtheit von Naturkindergärten. „Als wir die Einrichtung vorgestellt haben, war die Gruppe nach ein, zwei Stunden belegt.“ Auch die Stellenbesetzung sei - anders als bei herkömmlichen Kindergärten in der Region - kein Problem, denn auch Erwachsene schätzen die Vorteile einer Arbeit im Freien.

„Draußen zu sein, härtet ab“, betont Jacqueline Dumont. Die Kinder seien weniger krank, hätten weniger Allergien, seien selbstbewusster, könnten besser mit ihrem Körper umgehen und seien resilienter. „Sie sind auch entspannter, einfach ’heruntergefahren“, berichtet Erzieherin Maria Sichtling.

Für alle neuen Kindergärten der Stadt werden übrigens Fördermittel beantragt. Neben dem Naturkindergarten, der von 7.30 bis 14 Uhr öffnet, sind dies der Ganztagskindergarten Langenau, der ebenfalls am 4. September eröffnen wird, sowie der zweite Waldkindergarten.

Insgesamt hat die Stadt binnen einen Jahres vier neue Gruppen für 82 Kinder geschaffen. Doch ausreichend ist das noch lange nicht, wie Stadtplanerin Karin Heining verdeutlicht. Durch die Neubaugebiete und den Zuzug sowie durch den Anstieg der Geburtenrate, die der Ende der 60er Jahre gleicht, müssten noch einmal so viele Plätze - vier Gruppen für 80 Kinder - geschaffen werden. Die Stadt suche derzeit nach geeigneten städtischen Grundstücken. Bei der Gemeinderatssitzung im September werde die Standortanalyse vorgestellt, so Jacqueline Dumot.

Denn auch die Plätze in der Kita Bremt, die durch den Wechsel von Kindern in den Naturkinderkindergarten vakant wurden, sind schon wieder belegt. Es gibt Wartelisten - und für die Stadt viel zu tun, wenngleich Karin Heining, Bertram Ludwig und Jacqueline Dumont unisono betonen, dass die Stadt vergleichsweise „sehr viel für Kindergärten und Schulen macht“.

 
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