Schopfheim Meister einer interessanten Klangwelt

Markgräfler Tagblatt, 30.09.2016 00:00 Uhr

Ein großer Sänger hat viel Schoeck gesungen: Dietrich Fischer-Dieskau. Auf den Spuren seines berühmten Lehrers wandelt der Meisterschüler von Fischer-Dieskau, der Tenor Daniel Johannsen. Auch er hat die Liedwelt des Schweizer Komponisten Othmar Schoeck für sich entdeckt. Und beim Liederabend in der Reihe „Klassik im Krafft-Areal“ den ersten großen Block vor der Pause ganz dem Liedschaffen Schoecks gewidmet. Von Jürgen Scharf Schopfheim-Fahrnau. ­Schoeck ist, das hat das Publikum in der Fahrnauer Tonhalle gehört, ein zutiefst poetischer Komponist, in dessen Liedern aber auch die Nostalgie über die unwiederbringlich verlorene Romantik mitschwingt. Der Reger-Schüler war ein Meister der kleinen Form. Im allgemeinen Bewusstsein ist Schoeck mehr als Opernkomponist (mit der Kleist-Oper „Penthesilea“) verankert oder mit seiner kultivierten Kammermusik. Seit diesem Liederabend weiß man, dass Schoeck das nachromantische Lied im 20. Jahrhundert maßgeblich mitgeprägt hat. Sicher hat der Wiener Tenor Johannsen mit seinem souveränen Berner Klavierbegleiter Simon Bucher an diesem bemerkenswerten Abend einige neue Freunde für die Schoeck-Lieder gewonnen, die nun wissen, dass Schoeck für den romantischen Liedgesang unverzichtbar ist und er zu den drei großen „Sch’s“ gehört: Schubert, Schumann, Schoeck. Das ist sicher nicht zu viel gesagt, zumal sich Johannsen enorm für diese etwas entlegenere Musik engagiert und sie mit großer Innerlichkeit, Schlichtheit, aber auch Dramatik, wo nötig, singt. Dabei schafft er mit angenehmer Stimme im Verbund mit seinem sensibel und differenziert spielenden Pianisten ein Klangbild reiner Schönheit. Angefangen beim frühen Reiselied auf einen Text von Eichendorff, bis zu einer Liederauswahl aus den späteren Liederzyklen op. 60 („Das stille Leuchten“, 1946) mit Liedern nach den wunderbaren Gedichten von Conrad Ferdinand Meyer, denen der Sänger enorme Dichte verleiht, und op.62 („Das holde Bescheiden“) mit Liedern nach Eduard Mörike (1950). Dass der hervorragende Sänger den 1957 verstorbenen Komponisten an den Anfang seines Liederabends stellt, hat das Publikum, dem ­Schoeck nicht so geläufig ist, herausgefordert, sich dieser interessanten Klangwelt zu öffnen. Als nuancierter Erzähler fasziniert Johannsen schon in den frühen, bekannteren, noch an Brahms und Schumann orientierten Gesängen; besonders scheinen ihm aber die späteren, recht modern klingenden am Herzen zu liegen. Johannsen singt ­Schoeck, wie danach eine Auswahl von unbekannteren Schubert-Liedern, mit hellem, leichtem, lyrischem Tenor in bester Phrasierung ganz auf Gesangslinie. Bereits zum dritten Mal konnte man bei einem der Stiftungskonzerte seine gesanglichen Qualitäten erleben: präzise Artikulation, weite Legatobögen, gut sitzende Mezza voce und klangschöne Mitte. Die Interpreten ließen sich auch nicht davon beeindrucken, dass ein paar Reihen leer blieben. Mit der Weltuntergangsstimmung von Schuberts Lied „Auflösung“ („Geh unter, Welt“) wollte man das Publikum nicht nach Hause schicken, und es folgte noch die berühmte Forelle mit Anspielung auf die in der Nähe vorbeifließende Wiese sowie „Berthas Nachtlied“, eine Trouvaille. Aber dann wurde die letzte Zugabe doch wieder zum „Nachruf“, in Schoecks bekanntester (Eichendorff-)Vertonung mit einer sangbaren, ausdrucksvollen Melodie. Bei den über 400 nachgelassenen Liedern gibt es für Daniel Johannsen noch viel von ­Schoeck zu singen!

 
 

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