Schopfheim Mit „Bestselleritis“ überhaupt nichts am Hut

Markgräfler Tagblatt, 31.08.2017 00:00 Uhr

Von Werner Müller

„Bibliothek muss der Ort sein, wo man sich trifft und wo man lernt“. Diesem Leitsatz huldigte Kurt Menter ein Berufsleben lang mit großer Konsequenz.

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Schopfheim. Jetzt geht der Leiter der Stadtbibliothek nach rund 32 Jahren in den Ruhestand – mit durchaus gemischten Gefühlen, was die Zukunft der öffentlichen Bibliotheken als Stätte der Information und der Kommunikation angeht.

Auch Kurt Menter selbst hat dafür kein Patentrezept. „Prognosen sind schwierig“, räumt er mit Blick auf die scheinbar unaufhaltsame Digitalisierung und die neuen Medien ein. Im Internet sieht Menter eine „dominante Macht globalen Ausmaßes“, mit der ein „unbewusster Bewusstseinswandel“ in den Gesellschaften einhergeht. „Das macht die Zukunft für Bibliotheken schwierig“, ahnt Menter.

Er selbst würde, so er könnte, den Kurs, mit dem die Stadtbibliothek von Erfolg zu Erfolg eilte, „stringent“ fortsetzen. Das heißt: Im Mittelpunkt steht der Informationsaspekt. Bibliotheken haben nach Menters Verständnis den Auftrag, freien Zugang zu Informationen zu garantieren, um die Bürger einer

demokratischen Gesellschaft zur gesellschaftlichen und politischen Teilhabe zu befähigen. Folgerichtig steht nicht die schöne Literatur im Mittelpunkt, sondern die Sachliteratur. „Mit Bestselleritis“ oder „Liegestuhllektüre“ jedenfalls hatte er nie etwas am Hut.

Mit diesem Konzept ist die Stadtbibliothek unter Menters Regie denn auch jahrzehntelang lang gut gefahren. Als der Diplombibliothekar 1985 seine Stelle in Schopfheim antrat, war davon weit und breit noch nichts zu sehen.

Damals noch im Pfluggebäude untergebracht, führte die Stadtbücherei mit veraltetem Bestand, geringem Etat und dem Fehlen von Sachbüchern ein Schattendasein. Schopfheim war damit allerdings keine Ausnahme – der südliche Teil des Regierungsbezirks Freiburg hatte seinerzeit in Sachen Bibliothekswesen „die rote Laterne“, wie sich Menter erinnert.

Ein glückliche Fügung wollte seinerzeit, dass die Bücherei aus dem Pflug ausziehen musste, dass sich die Fläche über dem Parkdeck bei der Stadthalle für einen Neubau eignete, dass Stadtverwaltung und Gemeinderat bereit waren, für einen richtigen Neuanfang ordentlich Geld in die Hand zu nehmen – und dass mit Kurt Menter ein Fachmann da war, der sich „hoch motiviert“ und mit Unterstützung der Bibliotheksfachstelle in Freiburg an die konzeptionelle Neuausrichtung machte.

Heraus kam eine Bibliothek, wie sie moderner nicht sein konnte und die deshalb in Südbaden im Nu zum „Aushängeschild avancierte“. Das galt für das inhaltliche Angebot an Medien ebenso wie für die Aufenthaltsqualität und die Öffnungszeiten – bis heute sind es sechs Tage in der Woche. „Ein deutlicher Unterschied zu anderen Bibliotheken“, so Menter.

1990 führte die Stadtbibliothek die EDV ein, 1996 schaffte sie die ersten CD-ROMs an und richtete fünf PC-Arbeitsplätze ein, um auch als „Medienkompetenzzentrum“ auf der Höhe der Zeit zu bleiben. 2013 schließlich folgte im Verbund mit anderen regionalen Bibliotheken die „Onleihe“ - die Möglichkeit, Medien auch übers Internet auszuleihen.

Der Erfolg war denn auch durchschlagend. Von Jahr zu Jahr meldete die Stadtbibliothek neu Rekordzahlen. Daran konnten auch die Nutzungsgebühren nichts ändern, die Stadt und Gemeinderat 1993 gegen den hinhaltendem Widerstand des Bibliotheksleiters einführten.

Im Jahr 2009 schnellte die Zahl der Ausleihen auf knapp unter 200 000. „Das war der Höhepunkt“, erinnert sich Kurt Menter.

Seither freilich hat die Bibliothek mit sinkenden Zahlen zu kämpfen, hauptsächlich im Bereich der Kernkompetenz – der Sachliteratur.

Das sei für eine „kleine Universalbibliothek“ wie die Schopfheimer einerseits auch ganz normal, so Menter, „ewiges Wachstum“ sei in Anbetracht der doch begrenzten Ressourcen nicht möglich.

Andererseits sei natürlich auch das Internet schuld daran, weil dort Sachthemen ebenfalls im Mittelpunkt stehen. Vor allem Schüler und Stundenten stöberten dort nach Informationen, und nicht mehr in dem Maße in der Bibliothek wie früher.

Trotzdem würde Menter das Informationsgebot als oberste Bibliotheksmaxime auch in Zukunft nicht in Frage stellen. Sei das Problem doch gerade, wie man im Internet an zuverlässige Informationen gelange. Eine Bibliothek stelle die erforderlichen Medien zur Verfügung – nutzen müsse sie allerdings jeder selber.

Für Kurt Menter kommt der Ruhestand nach eigenen Worten denn auch zum richtigen Zeitpunkt. Die aktuelle Entwicklung entspricht so gar nicht seinem Selbstverständnis als Bibliothekar. „Ich bin froh, dass ich jetzt aufhören kann“, gibt er unumwunden zu und zieht ein Fazit, das von einer gewissen Gesamtzufriedenheit geprägt ist: „Es war alles in allem eine gute Geschichte mit der richtigen Bibliothek zur richtigen Zeit“.

Kurt Menter (65) stammt aus Weil am Rhein. Er studierte Germanistik und Politik in Freiburg (Lehramt) sowie Bibliothekswissenschaft in Stuttgart. Die Stadtbibliothek Schopfheim leitete er seit 1985. Zum 1. September geht er in den Ruhestand.

 
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