Schopfheim Tastenlöwen mit Paprika im Blut

Markgräfler Tagblatt, 16.05.2017 04:48 Uhr

Von Jürgen Scharf

Schopfheim-Fahrnau. „À la zingarese“ und „quasi zimbalo“ – wer könnte solche Vortragsbezeichnungen besser, ja authentischer realisieren als ungarische Interpreten? Das Klavierduo Egri & Pertis, ein Pianisten-Ehepaar aus Budapest, setzte diese Anweisungen von Liszt in einer der bekanntesten und wirkungsvollsten Ungarischen Rhapsodien (Nr. 14.) beim jüngsten Konzert in der Reihe „Klassik im Krafft-Areal“ in Schopfheim detailgenau und mit Bravour um.

„Tanzende Tasten“ war der Abend überschrieben. Und das war nicht zu viel versprochen, denn es ging großteils um Tänze. Dabei haben Monika Egri und Attila Pertis temperamentvolle Interpretationen vorgelegt: gleich zu Beginn bei zwei Slawischen Tänzen, jenen tänzerischen Verkaufsschlagern von Antonin Dvorák. Schon das ließ nicht an Esprit und rhythmischer Verve fehlen, und an technischer Brillanz herrscht bei diesem Klavierduo sowieso kein Mangel. Das stellen sie an diesem Abend bei den verschiedensten Stücken unter Beweis.

Egri und Pertis spielen mit gleichbleibender Intensität, sie sind ein Team, das klangliches Raffinement und spielerischen Charme hat. Das erlebt man in Debussys populärer „Petite Suite“, kapriziöser und sanft kolorierter Musik, deren erster Satz „En Bateau“ (Im Boot) musikalisch Lichtreflexe auf Wasserflächen und bewegten Wellengang imitiert, was die beiden Interpreten mit wiegenden Arpeggien im Barcarolen-Rhythmus realisieren.

Klavierduos müssen mit perfekter rhythmischer Übereinstimmung spielen, das ist Vorbedingung für das vierhändige Klavierspiel. Und das können diese beiden in dem „Ohrwurm“ von Rimski-Korsakow, dem „Capriccio Espagnol“, einer der spanischen Flamenco-Stimmungen in Tönen. Wie sie im „Fandango asturiano“ diese Wildheit zu vier Händen unter Kontrolle bringen, das hat wirklich bemerkenswerte Präzision, Brillanz und Kraft.

Vielleicht haben sie gelegentlich etwas stark pedalisiert, aber das kann auch an der Akustik der Fabrikhalle liegen – unübertroffen in der eigenen Herangehensweise ist ihr Spiel in den agogisch und rhythmisch auf den Punkt gebrachten drei Ungarischen Tänzen von Brahms. Hier liegt die Betonung eindeutig auf „ungarisch“, denn da war ein mitreißender Schwung.

Bezwingend verinnerlicht können sie ebenso spielen, das zeigen die reizenden kleinen Klavierstücke von Leo Weiner. Dessen zündenden Miniaturen, etwa der von ungarischen Volkstänzen inspirierte „Elfentanz“ oder der viel gespielte „Fuchstanz“ (zweite Zugabe), verfehlen ihre Wirkung nicht. Hörenswert auch ihre Wiederentdeckung des komponierenden Grafen Imre Széchényi.

Und wer könnte Liszt besser interpretieren als ein so absolut gleich getimtes und gut aufgelegtes Duo? Bei der 14. Ungarischen Rhapsodie, arrangiert von Liszt nach der Orchesterversion, langen Egri & Pertis vollgriffig hinein, fahren ihre Liszt-Pranken aus – denn es braucht Tastenlöwen, um diese Musik kongenial zu spielen. Das war dann schon großartig, souverän und frei, mit Feuer und, das Klischee sei erlaubt, mit Paprika im Blut. Besser geht’s wohl kaum.

Spätestens jetzt hätte man auf dem Krafft-Areal die ungarische Flagge hissen müssen!