Weil am Rhein Das Haltinger Leben anno dazumal

Weiler Zeitung, 17.07.2017 17:05 Uhr

Von Walter Bronner

Wer wissen wollte, was ein „Schaffrock“ ist, konnte das am Wochenende in der Begleitausstellung zum Haltinger Ortsjubiläum im evangelischen Gemeindehaus erfahren. Gemeint ist damit das einst schlichte Werktagskleid der Bäuerinnen, das hier einer Schaufensterpuppe übergestreift wurde.

Weil am Rhein-Haltingen. Die „Schaffhose“ aus derbem Stoff und das grobleinene „Schaffhemd“ der Männer werden natürlich auch so gezeigt, ebenso die Sonntagskleidung der in Markgräfler Tracht gewandeten Paare nebst den dazugehörigen Accessoires, wie das geflochtene „Deckel-Chörbli“ im Handtaschenformat.

Die nur wenige Tage gezeigte Draufschau auf Haltingen und das Haltinger Leben anno dazumal, für die sich Anita und Robert Möhring, Susi Engler und Thomas Hofer stark engagierten, präsentiert sich derart vielseitig und opulent, dass sie in einem Rundgang kaum vollends zu erfassen ist. Da sind einmal zehn beidseitig mit Dokumenten, erklärenden Texten, Handschriften, Zeitungsartikeln, Fotos, Zeichnungen, Druckgrafiken und Gemälden oder deren Reproduktionen üppig behängte und thematisch schlüssig angeordnete Stellwände. Die erste dokumentiert die Frühgeschichte (Urkunde von 757) des Dorfes, dessen Namensentwicklung und die Bedeutung des Wappens.

Auf den weiteren dargestellt sind die wechselvolle weitere Orts-Geschichte, das frühere Leben der Einwohner, die lokale Eisenbahn-Historie (einschließlich Jungfernfahrt des Chanderli) und die bäuerliche Arbeit auf dem Feld und im Rebberg, den Kirchens „Anker“-Wirt Friedrich Rottra anno 1882 als den ertragreichsten im Amtsbezirk Lörrach bezeichnete. Ausführlich dokumentiert sind ferner die Kirchen und das kirchliche Leben beider Konfessionen, die verschiedenen Schulen im Laufe der Zeit, der Kindergarten, die Gasthäuser, die Vereine und die Feuerwehr. Eigene Stellwände sind dem früheren Adelssitz Hiltelingen und der damals mehrheitlich unerwünschten Eingemeindung nach Weil anno 1974 gewidmet. Ebenso dem festlichen Umzug, mit dem das Dorf 1979 seine Badische Weinkönigin Susanne Hagin (heute Schneider) feierte. Erinnert wird zugleich an Gretli Kaufmann (Margaretha Schütz), die 1954 Weinkönigin war. Faktenreiches Ausstellungsmaterial schildert schließlich das Dorfbild vor und nach der Bombardierung 1940 und das folgende Alltagsdasein in der Barackensiedlung. Zu all dem garnierte das ambitionierte Organisationsteam die Ausstellung nicht minder üppig mit früheren Alltagsgegenständen wie Waschkorb, Teigschieber, Gluthaken, Milchkännchen, Seechte (Milchseiher), Chrüsli (Weinkrug), Chrätte (geflochtene Körbe), Dreschflegel, Rebmesser und Leiterwägeli sowie mit speziellen Objekten wie Bammert-Spieß oder Eisenbahner-Signallampe.

Eine Schauecke präsentiert Orgelfragmente und andere Sakralobjekte der Georgskirche vor deren Renovierung. Eine andere ist mit einer alten Schulbank und Lernutensilien bestückt. Künstlerische Zutaten sind ferner über 40 filigrane Zeichnungen mit Haltinger Motiven von Johannes Siebolts, ein dezent-expressionistisches Ölporträt einer Markgräflerin von Rudolph Seybold, je ein Ölgemälde von Adolf Glattacker und Max Brombacher mit dem zerstörten Haltingen als Motiv und ein historischer Werbegroßdruck der Baufirma Schumacher.

Und was es mit dem „Haltinger Esel“ und dem „Jagdrecht in der Sakristei“ auf sich hat, ist auch aufschlussreich in Objekten und Texten erläutert. Zu bedauern wäre indes nur, das die mühevoll zusammengetragene und sorgfältig arrangierte Dorfdokumentation schon im Laufe dieser Woche wieder abgebaut werden soll.

 
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