Keine rosigen Zeiten für selbstständige Hebammen: Die Haftpflichtprämie steigt ins Unermessliche, immer mehr Geburtshelferinnen hängen ihren Job an den Nagel. Es kommt zu Engpässen bei der Betreuung von schwangeren Frauen sowohl vor als auch nach der Geburt. Ende Juni wird nun auch noch das Geburtshaus in Lörrach schließen. Für Anna Wohler aus Weil am Rhein öffnet sich dadurch eine neue Tür: Ab Juli ist sie die einzige Hebamme im Landkreis Lörrach, die noch Hausgeburten anbietet. Frau Wohler, Sie sind seit zweieinhalb Jahren im Geburtshaus in Lörrach tätig. Was bedeutet die Schließung für Sie" Natürlich ist es sehr schade. Wir sind ein Team aus bis zu fünf Geburtshelferinnen, und ich schätze den kollegialen Austausch sehr – dieser ist immer sehr befruchtend. Auch die unmittelbare Nähe zum St. Elisabethen-Krankenhaus und der gute Kontakt mit den Ärzten sind hilfreich. Ich denke, dass die qualitative Arbeit einer Hebamme von der Vernetzung lebt. Mit welchen Gefühlen blicken Sie auf die zweite Jahreshälfte" Immerhin sind Sie dann im Landkreis die einzige Hebamme, die Hausgeburten anbietet. Trotz aller Umstände bin ich in einer glücklichen Situation. Ich habe jetzt schon viele Anfragen von schwangeren Frauen. Auch von weiter weg, denn im Hebammen-Bereich herrscht ein großes Loch zwischen Basel und Freiburg. Das Gute ist auch, dass sich an meinem Status nichts ändert: Auch im Geburtshaus war ich als Selbstständige tätig, es ändert sich also lediglich das Umfeld, in dem ich arbeite. Und auf die guten Kontakte, etwa zu Schweizer Hebammen oder zu Ärzten, kann ich zurückgreifen. Warum ist die Situation für Hebammen aktuell so schwierig" Das Thema spitzt sich schon lange zu. Das Grundproblem ist die hohe Haftpflichtversicherung, die Prämien sind jährlich um 20 Prozent gestiegen. Grundsätzlich ist die Haftpflichtsumme schon gerechtfertigt, denn wenn es zu einem Schaden kommt, geht es um viel Geld. Die Klagebereitschaft und die zugesprochenen Summen sind in den letzten Jahren gestiegen, deshalb auch die Haftpflichtprämie. Diese muss für eine Hebamme aber auch erwirtschaftbar sein. Der Verdienst steht also nicht im Verhältnis zur Haftpflichtsumme. Er wurde nämlich kaum angehoben. Was hat es mit den von den Krankenkassen geforderten „verbindlichen Ausschlusskriterien“ auf sich" Die Krankenkassen forderten verbindliche Ausschlusskriterien für Hausgeburten, auch wenn ihr Nutzen nicht wissenschaftlich belegt ist. Eine Schiedsstelle ist dieser Forderung im September nachgekommen. Zu den Kriterien zählt etwa die Terminüberschreitung: Schwangere, die ihr Kind im Geburtshaus gebären möchten, sollen am errechneten Termin einen Facharzt aufsuchen, Schwangere, die eine Hausgeburt möchten, drei Tage nach dem errechneten Termin. Diese Unterscheidung macht keinen Sinn. Der Arzt soll eine Hausgeburt erlauben, nur dann bezahlen die Krankenkassen die Hausgeburt. Damit wird uns Hebammen die Fähigkeit abgesprochen, zu entscheiden, wann eine Schwangerschaft nicht mehr regelgerecht verläuft. Warum entscheiden sich Frauen für eine Hausgeburt" Dafür gibt es unterschiedlichste Gründe. Die meisten befürworten die Eins-zu-eins-Betreuung, die eine Hebamme bietet. Es gibt eine gewisse Sicherheit, jemanden da zu haben, den man kennt und vertraut und der permanent verfügbar ist. Viele haben aber auch Angst vor Interventionen und haben die Sorge, im Krankenhaus in eine Maschinerie zu kommen, die man so nicht haben möchte. Fremde Leute und fremdes Umfeld spielen ebenso eine Rolle. Kann jede Frau ihr Kind zu Hause zur Welt bringen" Nein, nicht jede Frau ist dafür geeignet. Oft sind es medizinische Ausschlusskriterien wie eine Operation an der Gebärmutter oder Grunderkrankungen. Natürlich mache ich in der Beratung der Frauen auch deutlich, dass während der Schwangerschaft Dinge auftreten können, die dann doch gegen eine Hausgeburt sprechen. Niemand hat ein Interesse daran, zu pokern. Oder die Frauen müssen kurz vor der Geburt dann doch in ein Krankenhaus verlegt werden. Das ist richtig. Eine eilige Verlegung ist bei uns im Geburtshaus jedoch nur etwa alle anderthalb Jahre vorgekommen. Eine Hausgeburt habe ich in den vergangenen zwei Jahren nicht verlegen müssen. Dennoch: Jeder Geburtsverlauf ist individuell und wir Hebammen müssen rechtzeitig entscheiden, wann wir einen Arzt hinzuziehen. Eine Verlegung in ein Krankenhaus heißt jedoch nicht automatisch Kaiserschnitt – da haben viele Frauen gleich Bedenken. Warum wollten Sie Hebamme werden" Ich hatte nicht – wie viele sich das vielleicht vorstellen – schon als Kind diesen Berufswunsch. Nach der Schule habe ich über mein Umfeld Kontakt zu Hebammen bekommen und erkannt, dass dieser Beruf viele Interessen, die ich habe, verbindet. Als Hebamme habe ich viel mit Menschen zu tun, brauche viel Wissen, bin flexibel und habe Möglichkeiten zur Weiterbildung. Möchten Sie selbst einmal eine Hausgeburt" Ja, das wäre auf jeden Fall mein Wunsch. Aber nicht um jeden Preis. Es gibt Dinge die nicht vorhersehbar sind und man müsste schauen, wie realistisch es wäre. Denn auch ich bräuchte dann eine Hebamme (lacht). n Die Fragen stellte Sarah Trinler