Weil am Rhein Wichtiger Stadtteil mit Potenzial

Weiler Zeitung, 21.04.2017 22:57 Uhr

Als größter Stadtteil von Weil am Rhein feiert Haltingen in diesem Jahr seine erste urkundliche Erwähnung vor 1250 Jahren. Seine wechselvolle Geschichte als selbstständige Gemeinde endete 1975 mit der Eingliederung in der Große Kreisstadt. Gleichwohl hat der Ort seinen besonderen Charakter und Stellenwert behalten, bietet er doch mit seinen Flächenreserven der Stadt Entwicklungspotenzial im Wohnungsbau und in der Gewerbeansiedlung, wie Ortsvorsteher Michael Gleßner im Gespräch mit Jasmin Soltani betont.

Wie ich aus Gesprächen mit Walter Fribolin, dem 2011 verstorbenen, letzten Bürgermeister von Haltingen und späteren Ortsvorsteher des Weiler Stadtteils erfahren habe, ging es Haltingen damals finanziell gut. Der Ort hatte dank Gewerbeansiedlungen, darunter die Firma Bochmann, gute Steuerzahler, war schuldenfrei und hatte ausreichend Rücklagen für den Ausbau der Infrastruktur, etwa für den anstehenden Bau der Kanalisation, der aber erst nach der Eingemeindung vollzogen wurde. „Man hätte die Weiler dafür nicht gebraucht“, sagte Fribolin.

Es tut einer Gemeinde immer weh, wenn sie die Kontrolle über ihre finanziellen Mittel abgeben muss, obwohl sie auf eigenen Beinen stehen könnte. Für Haltingen gab es keinen anderen Ausweg, nachdem Ötlingen und Märkt eingemeindet worden waren und der Ort wie ein Sperrriegel zwischen Weil und diesen Ortsteilen lag. Hätte Haltingen nicht in letzter Minute eingelenkt, wäre es zwangsweise eingemeindet worden. So aber konnte es noch einige Rechte aushandeln. Zum Beispiel dasjenige auf eine eigene Verwaltungsstelle, eine eigene Feuerwehrabteilung, auf die Freigabe von Mitteln im Rahmen des Haushaltsplans, auf das Vorschlagsrecht und das Anhörungsrecht bei wichtigen Angelegenheiten.

Aus heutiger Sicht sicher für beide. Für das flächenarme Weil am Rhein war der Zugriff auf neuen Grund und Boden wichtig, etwa im Rheinvorland für den Ausbau des Rheinhafens und die Kläranlage, für Gewerbeansiedlungen im Rebgarten und auch nördlich von Haltingen. Hinzu kam viel Platz für Wohnungsbau, vor allem für Ein- und Zwei-Familien- sowie Reihenhäuser. Große Baugebiete sind so entstanden, auf dem Isebarn-Areal, im Sandacker, an der Kirschenstraße, im Brommen­acker. Und: Haltingen hat noch Bauerwartungsland. Das ist wichtig, denn der Bedarf an Wohnraum dürfte bei guter Beschäftigungslage und wegen der Zuzüge vorerst hoch bleiben.

Hat auch profitiert. Als Ortsteil einer Großen Kreisstadt, die heute finanziell gut dasteht, konnten im Laufe der jüngsten Vergangenheit Projekte verwirklicht werden, die sonst nie möglich gewesen wären. Dazu gehören neben dem Kindergarten Kirschenstraße das lang ersehnte Kinder- und Jugendzentrum „Juke“, das eine Jugendarbeit auf sehr hohem Niveau samt Streetworker ermöglicht, und die Sanierung der Hans-Thoma-Schule (HTS). Die wurde zwar vor der Eingemeindung eingeweiht, steht jetzt aber als eine der schönsten Schulen im Stadtgebiet da.

Das ist der Bildungsgesetzgebung geschuldet. Aber als Schulgebäude hat die HTS Zukunft. Wir sind eine Zuzugsregion, und nach Haltingen ziehen vor allem viele junge Familien mit Kindern. Die Stadt hat nicht nur den Ausbau der Kindergärten vorangetrieben, sondern arbeitet auch am Ausbau der Ganztagsbetreuung in den Grundschulen. Auch für die Hans-Thoma-Schule wird das geprüft.

Mir liegen die Daten dazu nicht vor. Fakt ist, dass es viele Neuansiedlungen gegeben hat, über die Firma Raymond, bis zu den neuen Logistikbetrieben, wie Rhenus und Vitra im Rebgarten. Auch die Produktionshallen und der Architekturpark der Vitra an der Römerstraße liegen auf Haltinger Gemarkung. Nicht zu vergessen die Kiesgruben-Flächen. Auf der Lipps-Grube, der „Lipsi“ zum Beispiel, wo heute die SWEG ihren Betriebshof hat, wurde vor der Eingemeindung noch Motocross gefahren. Mit dem Gewerbegebiet „Rennemattenweg aber wurde vor der Eingemeindung begonnen.

Der verzögerte Bahnausbau war jahrelang ein Hemmschuh. Auch heute gilt, dass ein Teil der Umgestaltung des Ortskerns erst abgeschlossen werden kann, wenn die Bahnbaustelle beendet sein wird. Die ersten Veränderungen im Dorfkern sind mit der Neuansiedlung des Rewe-Markts aber bereits sichtbar. Als nächstes wird der Marktweg gestaltet, der Zugang vom Bahn-Haltepunkt zur Bushaltestelle an der B 3. Bis die letzten Maßnahmen zur verkehrlichen Umgestaltung im Bereich Burgunder-/Kanderstraße erfolgen können, wird es aber 2024 werden. Vorher ist die Bahn, so ihr Zeitplan, nicht mit der östlichen Lärmschutzwand entlang der Gleise fertig.

Die großen Herausforderungen sind die Umsetzung der Projekte der Bürgerbeteiligung „Haltinger Dialog“, die Integration der Flüchtlinge und das Bereitstellen von bezahlbarem Wohnraum. Bauerwartungsland gibt es, etwa nördlich der Hans-Thoma-Schule. Platz ist auch für weiteres Gewerbe, unter anderem im Interkommunalen Gewerbegebiet. Das macht heute noch den Stellenwert Haltingens in der Großen Kreisstadt Weil am Rhein aus: er ist ein wichtiger Stadtteil mit Entwicklungspotenzial im Wohn- und Gewerbebau.

Das glaube ich nicht, auch wenn die Flächen knapper werden. Aber die Haltinger Landwirte setzen seit Längerem auf Vermarktungsnischen und Sonderkulturen, die zwar arbeitsintensiv sind, aber das Überleben ermöglichen. Bei Flächenumwidmungen erhalten sie, wie im Falle der Raymond-Erweiterung, Tauschflächen.

Wenn sich an der Gesetzeslage nicht drastisch etwas ändert, wird Haltingen seine Naherholungsflächen behalten. Dazu zählen der Tüllinger Berg mit seinen Natura-2000-Flächen, und auch der Grünstreifen zwischen Haltingen und der Römerstraße darf nicht bebaut werden. Gleiches gilt für das Krebsbachtal. Zudem wird die Holcim-Grube verfüllt und der Landwirtschaft wieder zur Verfügung gestellt, wobei ein kleiner Bereich dem Naturschutz vorbehalten bleibt.

Die Siedlungsfläche wird 2042 in punkto Wohnbebauung und Gewerbe sicher größer und dichter sein als jetzt. Aber der Zuzug von Familien mit Kindern wird Schule und Kindergärten weiterhin beleben. Einkaufsmöglichkeiten sind vorhanden, ebenso genügend Gaststätten. Für Freizeitmöglichkeiten werden die Vereine weiter sorgen, es gibt Sporthallen, und der Tüllinger Berg ist ein ausgezeichnetes Naherholungsgebiet. Es gibt zwar Bereiche im Westen des Ortes mit Schlafdorfstrukturen, insgesamt aber sind das Wir-Gefühl und die Identifikation mit dem Ort immer noch vorhanden – wenn auch vor allem in den gewachsenen Strukturen.

Herr Gleßner, als Haltingen 1967 das 1200-Jährige feierte, war der Ort noch selbstständig. Doch noch im selben Jahr, am 26. September, hat der Landtag von Baden-Württemberg das Gesetz zur Gemeindereform beschlossen. Die Eingemeindung von Haltingen nach Weil am Rhein erfolgte schließlich am 1. Januar 1975. Wie ging es dem Ort seinerzeit?

Der Eingemeindung gingen heftige Diskussionen voraus. Der Riss ging nicht nur durch das Dorf, sondern betraf Familien und Freundschaften.

War die Eingemeindung nun am Ende vor allem gut für Weil am Rhein oder auch gut für Haltingen?

Und Haltingen?

Nur nicht als weiterführende Schule, weil dafür die Schüler fehlen.

Die Verwirklichung der Projekte wurde nicht zuletzt auch durch Steuereinnahmen möglich, zu denen Gewerbebetriebe in Haltingen ihren Beitrag geleistet haben. Lässt sich der Anteil beziffern?

Die Entwicklung von Haltingen lässt sich gut anhand von Luftaufnahmen verfolgen. Sie zeigen, wie stark die Siedlungsdichte innerhalb weniger Jahrzehnte zugenommen hat. Nur die Verkehrsinfrastruktur hat nicht mitgehalten: Mehr als 20 000 Fahrzeuge quälen sich täglich über die B 3 mitten durch den Ort. Der Bau der Nordwestumfahrung, über die ewig diskutiert wurde, sowie die Gestaltung eines Ortszentrums kommen erst jetzt, im Zuge des Bahnausbaus, in die Gänge.

Welchen Stellenwert hat Haltingen heute im Stadtgefüge, und wo sehen Sie die großen Herausforderungen für Haltingen in den nächsten Jahren?

Auch das Beregnungsgebiet wurde schon teilweise für Industrieansiedlung geopfert. Bleibt die Landwirtschaft irgendwann auf der Strecke?

Flächenverbrauch geht auch auf Kosten von Landschaft und Natur. Nicht zuletzt gehen Naherholungsgebiete verloren.

Wagen Sie eine Prognose, wo Haltingen beim nächsten Jubiläum – zum 1275-Jährigen – stehen wird? Besteht nicht auch die Gefahr, dass es trotz seiner Größe ein Schlafdorf wird?

 
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