Basel Von Priestern und Gangstern

Adrian Steineck
Travis Bickle (Robert De Niro) aus „Taxi Driver“: Der wahnhafte und isolierte Taxifahrer ist nur einer von Scorseses berühmten Anti-Helden, die demnächst im Stadtkino Basel zu sehen sind. Foto: Columbia Pictures

Von Adrian Steineck

Basel. Travis telefoniert mit Betsy. Am Vorabend hat er ihre Verabredung zu einem Desaster gemacht, indem er sie in ein schäbiges Pornokino ausführte. Jetzt versucht er sich ungelenk bei ihr zu entschuldigen. Als Betsy ihm zu verstehen gibt, sie wolle sich nicht mehr mit ihm treffen und er solle sie auch nicht mehr anrufen, wendet sich die Kamera von Travis ab, fährt langsam zur Seite und zeigt einen langen, menschenleeren Korridor.

Selten ist Einsamkeit im Kino so eindringlich visualisiert worden wie in dieser Szene aus „Taxi Driver“ (1976). Regisseur Martin Scorsese konnte mit diesem „Heimatfilm eines Heimatlosen“ (Der Spiegel) über einen isoliert lebenden New Yorker Taxifahrer den Durchbruch feiern. Am 17. November wird Scorsese 80 Jahre alt, und das Stadtkino Basel feiert rein: Ab Oktober zeigt das Programmkino 15 seiner Filme, von „Mean Streets“ (1973) bis zu seinen jüngsten Werken aus dem Jahr 2019, der Bob Dylan-Konzertdoku „Rolling Thunder Revue“ und dem Mafiaepos „The Irishman“, die beide vom Streaminganbieter Netflix finanziert wurden und bisher kaum oder gar nicht in den Schweizer Kinos liefen.

Ergänzt wird das Programm durch ein Video-Referat von Hansmartin Siegrist, Lehrbeauftragter am Seminar für Medienwissenschaft der Universität Basel.

Beat Schneider, künstlerischer Leiter des Stadtkinos, ist die Zufriedenheit mit der Filmauswahl anzuhören. „Es war mir wichtig, 15 zentrale Werke von Scorseses Schaffen zeigen zu können“, legt er dar. Auch „Taxi Driver“ mit seiner ambivalenten Hauptfigur, die in der damals gerade aufkommenden Punk-Bewegung populär wurde, wird in Basel zu sehen sein. Es ist nicht die erste Verbindung der Stadt am Rheinknie zu dem Filmklassiker aus den 1970er-Jahren. Doch dazu später.

Wie das Leben den Film durchdringt

Bei Scorsese, das macht die Filmauswahl im Stadtkino deutlich, lassen sich Leben und Werk nicht voneinander trennen. Aufgewachsen ist der 1942 geborene Filmemacher, Sohn italienischer Einwanderer, im New Yorker Stadtteil Little Italy, zwischen Gangstern und Priestern, wie er selbst sagt – und im Bann der Bilder, die über die Leinwand flimmerten. Ursprünglich wollte Scorsese Priester werden, aber seine Leidenschaft für den Film erwies sich als stärker. In „Mean Streets“ brachte er seine Eindrücke vom Leben in Little Italy mit einem bis dahin beispiellosen Realismus auf die Leinwand: Der Gangsterfilm springt hin und her zwischen der Nüchternheit einer Dokumentation und einer geradezu fieberhaften Intensität, zu der schon damals für Scorsese typisch gewordene Stilmittel wie Handkamera, Zeitlupe und der Einsatz von nicht eigens für den Film komponierter (Rock-)Musik beitragen. Die Hauptfiguren kämpfen bereits hier mit dem Widerspruch von Religion und dem harten Alltag auf der Straße – ein Thema, das in den Filmen Scorseses immer wieder auftaucht und seine Mafiosi, Boxer und Spieler antreibt.

In „Mean Streets“ arbeitete der Regisseur erstmals mit Robert De Niro zusammen, mit dem er über bis heute neun gemeinsame Filme hinweg ein Duo bildete. De Niro brachte unter Scorseses Regie einige seiner besten Leistungen, neben dem „Taxi Driver“ Travis Bickle auch den (realen) Boxer Jake La Motta in „Raging Bull“ (1980), der ihm den Oscar als Bester Hauptdarsteller einbrachte. De Niro bestritt zur Vorbereitung auf die Rolle mehrere Profi-Boxkämpfe und aß sich für die Darstellung des älteren und aufgedunsenen La Motta etwa 30 Kilogramm auf die Hüften. Für Scorsese wurde das in kargem Schwarzweiß gefilmte Boxerdrama eine Art Therapie: In den Jahren zuvor hätte seine Kokainsucht ihn fast das Leben gekostet.

Neuanfang nach mehreren Misserfolgen

Neben den Klassikern aus der ersten Phase von Scorseses Karriere laufen im Stadtkino auch Werke aus der zweiten Phase seines Schaffens wie die epischen Gangster-Dramen „Goodfellas“ (1990), „Casino“ (1995) und „The Departed“ (2006). In der Zwischenzeit hatte der Regisseur nach einer Reihe von Flops noch einmal von vorne angefangen mit dem günstigen und unabhängig finanzierten Film „After Hours“ (1985). Als einem der wenigen Regisseure aus der Sturm-und-Drang-Zeit des New Hollywood der 1970er-Jahre gelang es Scorsese, ein Comeback zu feiern und sich bis heute zu behaupten. „The Departed“ brachte ihm 2007 den Regie-Oscar. Auch neuere Werke wie die Börsen-Satire „The Wolf of Wall Street“ (2013) wurden von der Kritik gelobt und ließen die Kinokassen klingeln.

Im Einsatz für den Erhalt des internationalen Kinos

Wer Scorsese und seine Begeisterung für das Kino erleben will, der muss nicht einmal einen seiner Filme zur Hand nehmen. Es reicht schon, sich die Dokumentation zur Restaurierung von Alfred Hitchcocks Psychothriller „Vertigo“ (1958) anzusehen, an der Scorsese mit seiner Film Foundation beteiligt war. Voller Wärme erzählt der Regisseur dort, was ihm der Film seines britischen Regie-Kollegen Hitchcock bedeutet. Das ist eine andere Seite von Scorsese: Der Regisseur setzt sich für den Erhalt und die Restaurierung von Kinofilmen ein. Auch hier zeigt das Stadtkino eine Auswahl von Filmen, mit Lino Brockas „Insiang“ (1976) etwa einen Klassiker des philippinischen Kinos.

Umso überraschender, dass es von Martin Scorsese selbst Filme gibt, die schwer aufzutreiben sind. Bei „Alice Doesn’t Live Here Anymore“ (1974), einem Drama mit einer starken, unabhängigen Frau als Hauptfigur, hatte Beat Schneider zunächst Probleme, eine spielbare Kopie zu finden. „Erst ein schwedisches Filmarchiv konnte mir hier helfen“, sagt er. „Das hat mich bei Scorsese doch überrascht, denn der Film gehört keineswegs zu seinen frühen Werken.“ „Alice“ brachte Hauptdarstellerin Ellen Burstyn den Oscar ein und ebnete den Weg für die Finanzierung von „Taxi Driver“, dessen düsteres, vor Gewalt triefendes Drehbuch zuvor viele Filmstudios abgelehnt hatten.

„Taxi Driver“-Skriptautor war 2018 in Basel zu Gast

Hier schließt sich der Kreis. Denn Paul Schrader, Verfasser der Skripts für „Taxi Driver“ und selbst als Regisseur tätig, war im Jahr 2018 zu Gast beim achten Bildrausch-Filmfest in Basel. Dort präsentierte der Filmemacher seinen aktuellen Film und las aus einem von ihm verfassten Buch zur Filmgeschichte vor. Beat Schneider erzählt, was für ihn damals an dem Gast aus Hollywood am eindrücklichsten war: „Paul Schrader hat uns voller Stolz Bilder seiner Familie gezeigt, nicht etwa sofort über seine Arbeit gesprochen. Das ist das, worum es auch Scorsese immer geht: Sein Kino basiert auf dem Leben. Wichtig sind die eigenen Erfahrungen.“

Weitere Informationen: Die Martin-Scorsese-Retrospektive beginnt am Samstag, 1. Oktober, mit „Mean Streets“ (16 Uhr) und „Taxi Driver“ (20 Uhr). Am Sonntag, 2. Oktober, folgt um 20 Uhr „Goodfellas“. Alle Filme werden im englischen Original mit Untertiteln gezeigt. Das vollständige Programm unter www.stadtkino.ch.

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