Dresden - Michael Degen hat sich geschämt. Sein Schauspielkollege Mario Adorf ebenfalls. Jahre habe es gedauert, so geben die Herren zu, bis sie sich eingestanden haben: Ich höre schlecht. Inzwischen tragen beide ein Hörgerät – und das ist kaum zu sehen. Kein Kunststück: Heute sind die Apparate deutlich geschrumpft. Doch auch wenn die Technik immer ausgefeilter wird, so bedeutet das nicht, dass ein Hörgerät das natürliche Hören vollkommen wiederherstellen kann, warnt Thomas Zahnert, Direktor der HNO-Klinik am Uniklinikum Dresden.

Dennoch ist es wichtig, bei ersten Anzeichen einer Schwerhörigkeit zum Arzt zu gehen. Denn schlechtes Hören macht auf Dauer einsam und kann sogar das Denkvermögen beeinträchtigen. Dies zeigt eine amerikanische Studie, die kürzlich im Fachmagazin „JAMA Internal Medicine“ veröffentlicht wurde: Wer den Austausch mit der Umwelt auf ein Minimum reduziert, dessen kognitive Leistungsfähigkeit nimmt sukzessive ab, schreiben die Forscher von der Johns Hopkins University in Baltimore.

Daher warnen auch deutsche Experten: „Wer einem Gespräch in der Gruppe oder in Räumlichkeiten mit Hintergrundgeräuschen schlecht folgen kann und danach erschöpft ist, weil die Kommunikation ihn sehr angestrengt hat, sollte das Gehör beim HNO-Arzt testen lassen“, sagt Leif Erik Walther vom Deutschen Berufsverband der Hals-Nasen-Ohren-Ärzte. Auch Angehörige sollten Betroffene bestärken, die Hörprobleme abklären zu lassen, und versuchen, ihnen die Scheu vor einem Hörgerät zu nehmen.

Die Mehrheit der Hörgeschädigten trägt konventionelle Hörgeräte, die hinter dem Ohr befestigt werden. „Das sind im Grunde Mini-Lautsprecher, die in der Nähe des Gehörgangs platziert werden“, sagt Thomas Zahnert. In den Geräten wird über ein Mikrofon die Sprache oder Musik aufgenommen, digital verstärkt, an den Lautsprechern abgegeben und führt so zu einer stärkeren Schwingung des Trommelfells. Damit die Geräte optimal funktionieren, müssen sie von einem Hörgeräteakustiker an den Hörverlust des Trägers angepasst werden.

Die meisten implaniterten Geräte verstärken den Luftschall

Je nach Art der Schwerhörigkeit und der Hörfähigkeit ermittelt der HNO-Arzt, ob nicht auch ein implantierbares Hörgerät für den Patienten infrage kommt. Insbesondere sind diese für Menschen geeignet, die aus medizinischen Gründen im Gehörgang keine konventionellen Hörgeräte tragen können oder bei denen das Trommelfell und die Gehörknöchelchen nach chronischen Mittelohrentzündungen nicht mehr richtig funktioniert. Denn diese Hörschädigung kann kein konventionelles Hörgerät aus-gleichen.

Die meisten der implantierbaren Hörgeräte verstärken wie die konventionellen Geräte den Luftschall. Nur dass dieser am Ende nicht von einem Lautsprecher weitergegeben wird, sondern über ein Schwingsystem. Diese Mini-Vibratoren können direkt an den Gehörknöchelchen angebracht werden und so Töne per Schwingung übertragen, indem sie die Gehörknöchelchenkette – Hammer, Amboss, Steigbügel – antreiben.

Patienten, die aus kosmetischen Gründen das Hörgerät lieber im Ohr verschwinden lassen wollen, behandelt Thomas Zahnert auch: „Man muss sich aber im Klaren sein, dass sowohl für teil- als auch für vollimplantierbare Hörgeräte eine Operation notwendig wird.“ Obendrein sind die Systeme mit bis zu 15 000 Euro sehr teuer.

Körperschall-Technik wird am Schädelknochen verankert

Andere implantierbare Hörgeräte funktionieren über den Körperschall: Dabei werden die Töne über den Schädelknochen übertragen. „Man muss sich das vorstellen, als würde man sich eine Stimmgabel auf den Kopf setzen“, sagt Zahnert. Beim sogenannten Baha-System (Bone Anchored Hearing Aid) wird das hinter dem Ohr getragene Hörgerät als Schwinger über eine Titanschraube mit dem Schädelknochen verankert. „So kann der Schall in Vibrationen umgewandelt werden und wird direkt über den Schädelknochen auf das Innenohr übertragen.“

Das Baha-System eignet sich besonders für Patienten, die ein gut funktionierendes Innenohr, aber Probleme mit dem Trommelfell, einen zu engen Gehörgang oder geschädigte Gehörknöchelchen haben.

Moderner ist das Bonebridge-System, das aber nach dem selben Prinzip wie das Baha-System funktioniert. Auch hier werden die Vibrationen über den Schädelknochen übertragen. Das Schwingsystem wird aber dann in den Knochen implantiert und muss nicht über eine Schraube gehalten werden.

Häufig werden Menschen infolge einer langsamen Funktionsverschlechterung der Sinneszellen in der Cochlea, der Hörschnecke im Innenohr, taub. Die Sinneszellen sind dafür da, den Schall aufzunehmen und in Form elektrischer Impulse an den Hörnerv weiterzuleiten. Sind die Zellen defekt, aber der Hörnerv in Ordnung, kann ein Colchea-Implantat helfen: Der Arzt pflanzt in das Innenohr Elektroden, die elektrische Signale an den Hörnerv übermitteln und so die Funktion der Sinneszellen übernehmen. Wenngleich ein solches Implantat das natürliche Gehör nicht völlig ersetzt, ist es laut Zahnert ein extremer Fortschritt in der Medizintechnik. „Sowie für taub geborene Kinder als auch hochgradig schwerhörig oder taube Erwachsene ist dies wie ein Rettungsanker für das Erlernen von Sprache oder den Erhalt der Kommunikation.“