Bad Bellingen Anwohner kritisieren Vorgehen

Jutta Schütz
Anwohner weisen beim Baugebiet „Im Tal“ auf Wasser hin, dass bei Regen aus dem Hang in die Keller drückt. Foto: Jutta Schütz

Für reichlich Ärger bei den Anwohnern sorgt nach wie vor der Aufstellungsbeschluss zum möglichen Baugebiet „Im Tal“ in Hertingen. Viele Anwohner der Straße „Im Tal“ kamen in die Gemeinderatssitzung am Montag, um Beschwerden vorzubringen. Dass man sie im Vorfeld nicht zu den Planungen informiert habe, war dabei der Hauptvorwurf.

Von Jutta Schütz

Bad Bellingen. Mit neun zu sieben Stimmen war die Abstimmung für den Aufstellungsbeschluss für „Im Tal“ in der letzten Gemeinderatssitzung des Jahres 2022 äußerst knapp ausgefallen.

Eine Initiative von Anwohnern der Straße „Im Tal“ wirft der Verwaltung Formfehler im Verfahren zum Beschluss vor. Der ehemalige Gemeinderat Andreas Hubrich hat sich deshalb mit einer Beschwerde an die Kommunalaufsicht gewandt. Deren Entscheidung gilt es nun abzuwarten. Die Anwohner und Grundstücksbesitzer sehen es als gesetzeswidrig an, dass sie nicht vorher zu den Plänen in Kenntnis gesetzt wurden. Dabei haben sie nicht grundsätzlich etwas gegen neue Bauplätze. Wohl aber etwas gegen die bisherige Vorgehensweise der Verwaltung, weil Teile ihrer Grundstücke, die sie vielleicht gar nicht zu verkaufen beabsichtigen, mit in die projektierte Baugebietsfläche aufgenommen worden sind, ohne dass sie gefragt wurden.

Kritik der Anwohner

Anwohner Viktor Schwab bemerkte, dass hinter seinem Haus Garagen und Streuobstbäume stehen. „Keiner hat mich kontaktiert, und ich frage mich jetzt, wie soll das weitergehen, mit meinem Grundstück?“, beschwerte er sich.

Bürgermeister Carsten Vogelpohl antwortete, dass man Schwab und andere Anwohner jetzt gerade angeschrieben habe. „Wir haben Interesse mit Ihnen allen zu den Grundstücken ins Gespräch zu kommen“, sagte er.

Schwab entgegnete, dass „man eigentlich zuerst Grundstücksinhaber anschreiben und dann erst planen“ sollte. Ein weiterer Anwohner warf ein, man habe so kurz vor Weihnachten als Bürger gar keine Zeit mehr gehabt, sich mit der Beschlussvorlage zu beschäftigen. Vogelpohl beruhigte, dass man sich erst am Anfang des Verfahrens befinde. „Es wird viele Untersuchungen geben, das Ergebnis ist offen“, informierte er.

Hansjörg Isele, ebenfalls Anwohner, kritisierte, dass es „schon komisch ist, einfach einen Strich über Grundstücke zu ziehen, um sie zum möglichen Baugebiet zu erklären. Details dazu hat man erst aus der Presse erfahren“, meinte er. Zudem sei wichtig, fuhr Isele fort, „dass das Baugebiet nun viel größer ist, als eigentlich im gültigen Flächennutzungsplan ausgewiesen“. Er erinnerte daran, dass die Fläche „Im Tal“ eigentlich eine Ausgleichsfläche für „Hinterm Hof II“ sei.

„Vor vierzig Jahren wurden ‚Im Tal‘ einige Häuser auf Bauschutt erstellt, um sie vor dem Hangwasser zu schützen, ist das auch bekannt?“, fragte Isele weiter, der mitteilte, dass er wegen des durchsickernden Hangwassers eine Pumpe im Keller brauche.

Anwohner Otmar Ott ergänzte, dass junge Leute, gerade auch aus dem Ort, sich den Hausbau momentan angesichts der Inflation und steigender Zinsen derzeit gar nicht leisten könnten. „Eher werden bezahlbare Mietwohnungen gesucht“, war er sich sicher.

Wohnraummangel

Vogelpohl entgegnete, dass es Nachfrage nach beidem gebe. Der Bürgermeister zählte auf, dass die Fläche „Im Tal“ durchaus für Wohnbau geeignet sei, sich das mögliche Baugebiet bezüglich der Größe am Flächennutzungsplan orientiere und Bad Bellingen zudem zu den 89 Gemeinden im Land gehöre, wo Wohnraummangel herrsche. Er führte neben der eigenen Bevölkerung vor allem den Zuzug von gewünschten Arbeitskräften an, die in Pflege, beim Bau sowie in Hotels und Gaststätten benötigt werden und Wohnungen suchen.

Gemeinderat Wolfgang Müller sah das anders. Er stellte fest, dass im Gesetzesblatt von Baden-Württemberg vom 6. Oktober 2020 nichts von einer Wohnraummangellage stehe, sondern nur davon, dass in 89 Gemeinden eine Mietpreisbremse eingeführt wurde.

Problem Hangwasser

Was alle Tal-Anwohner umtreibt, ist das Hangwasser. Bei Starkregen gebe es schon jetzt große Probleme damit – dazu mit sich hebenden Gullydeckeln Sowie mit Schlamm –, teilten ausnahmslos alle Beschwerdeführer mit. Die Kanalisation „packt es nicht“, wusste Isele. Die Beschwerdeführer übergaben der Verwaltung einen Datenstick mit Aufnahmen der Auswirkungen eines der letzten Unwetter. Dass es auf der Wiesen- und Ackerfläche des möglichen Baugebiets mehrere Abflussrinnen gibt, zeigen überdies die Gefahrenkarten des Landkreises.

Die Inhaberin eines Grundstücks im möglichen neuen Baugebiet machte den Kritikern indes Vorwürfe. „Dass sich der Gemeinderat keine Gedanken macht, stimmt nicht. Sie alle würden übrigens nicht da wohnen, wenn es vor vierzig Jahren kein Baugebiet ‚Im Tal‘ gegeben hätte“, richtete sie ihre Worte an die anwesenden Bürger.

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