Bad Bellingen „Mit der Aufgabe wächst man“

Zwei junge Frauen, mit wirrem Haar und leerem Blick, barfuß über den Krankenhausflur umherirrend – so beschreibt Zeitzeuge Volker Schirrmeister, 78 Jahre, pensionierter Arzt aus Lörrach, seine erste Begegnung mit der Frau, die später die Patentante seines Sohnes werden sollte. Die Amerikanerin Claire Wilson ist eines der Opfer des Zugunglücks von Rheinweiler, das sich heute zum 50. Mal jährt.

Von Zoë Schäuble

Bad Bellingen. Volker Schirrmeister war am Tag des Unglücks 28 Jahre alt und mitten in der Facharztausbildung in der Lörracher Klinik. „Ich hatte Nachtschicht an dem Tag. Ich weiß noch, wie meine Mutter aus Schliengen anrief und sagte ,Volker, es ist etwas Schreckliches passiert’. So habe ich von dem Unglück erfahren.“ An seinen Gang zur Pforte, um seine Kollegen zu informieren, erinnert sich der Internist nur vage. „Binnen Minuten sind die Drähte heißgelaufen und wirklich jeder Anwesende, von der Küche bis zur Wäscherei, wurde zur Hilfe gerufen.“ Betten für die Verletzten wurden vorbereitet, allerdings kamen gar nicht so viele, wie er erwartete: „Viele wurden auch nach Müllheim gebracht und die Schwerverletzten direkt nach Freiburg und Basel.“ Der Arzt ist sich bis heute unsicher, zu welchem Zeitpunkt der Katastrophenalarm ausgelöst wurde. „Die Krankenwagen kamen und plötzlich war da ein völliges Durcheinander, das totale Chaos.“ In einem der Krankenwagen waren zwei Schwestern, Amerikanerinnen, wie Schirrmeister später begriff. „Ich konnte kein Englisch. Die Mädchen waren völlig hilflos und verstört, bis auf leichte Blessuren aber unverletzt.“ Eigentlich seien es vier Schwestern gewesen, die andern beiden waren so schwer verletzt, dass man sie in andere Krankenhäuser gebracht hatte. „Meine Frau spricht gut Englisch. Ich habe sie kurzerhand gebeten zu kommen und sich um die beiden zu kümmern.“ Automatisch, ganz ohne viele Gedanken, packte Ursula Schirrmeister die Mädchen ins Auto. „Sie hatten nichts. Keine Papiere, keine saubere Kleidung.“ Zuhause angekommen, versorgte sie die Schwestern mit dem Nötigsten. „Es wurde geduscht, ich habe ihnen frische Kleidung und etwas zu Essen besorgt.“

Nur wenige Stunden später wiederholte sich dieses Geschehen. Schirrmeister: „Irgendwann morgens gegen 6 Uhr kam noch ein Krankenwagen.“ Zwei junge Frauen seien wenig später wie paralysiert durch die Gänge geirrt. „Wir waren ja mit den schwerer Verletzten beschäftigt“, erklärt Schirrmeister. Daher habe man sich nicht gleich um die Frauen kümmern können. „Sie waren gar nicht wirklich anwesend, der Blick leer, die Kleidung verdreckt.“ Wieder rief er seine Frau. „Die beiden stammten aus Philadelphia und waren ursprünglich mit zwei weiteren Freundinnen auf der Durchreise aus Italien nach Heidelberg. Als der Zug entgleiste, wurden sie auseinander gerissen.“ Auch sie nahmen die Schirrmeisters kurzerhand bei sich auf.

Krise schafft Verbindungen

„Wir führten Gespräche mit der Deutschen Bundesbahn. Versuchten, verlorene Papiere wieder zu beschaffen. Den Kontakt zu den Eltern herzustellen und so gut es eben ging, eine Stütze zu sein.“ Warum sie so selbstlos gehandelt haben, das können die Schirrmeisters beantworten. „Die Menschlichkeit ist das, was zählt.“

Bei den tragischen Ereignissen, welche die vier Amerikanerinnen in den auf das Unglück folgenden Tagen überstehen mussten, begleiteten sie die Schirrmeisters. „Eine der Freundinnen hat das Unglück nicht überlebt. Zusammen sind wir in die Gerichtsmedizin nach Freiburg gefahren, um den Leichnam zu identifizieren.“ Auch bei der Rückreise leisteten sie Unterstützung. „Wir sind da einfach so hineingeraten, und dann war es für uns klar, dass wir zur Hilfe verpflichtet sind“, erklärt Ursula Schirrmeister. Dass sie zu dem Zeitpunkt mit ihrem Sohn Ralph schwanger war, erzählte sie den jungen Frauen irgendwann. „Unser Verhältnis war sehr eng – durch so eine Katastrophe wächst man einfach zusammen.“

Die jungen Frauen, die teilweise über Wochen bei den Schirrmeisters lebten, sind bis heute Bestandteil ihrer Geschichte. „Claire ist die Patentante von Ralph. Wir haben diesem Ereignis, dass uns damals zusammengeführt hat, dadurch etwas für uns Gutes abgewonnen.“

Der Kontakt zu den Schwestern sei über die Jahre deutlich spärlicher geworden, aber mit Claire habe man sich einige Male getroffen. „Sie hat uns besucht und wir haben sie schon in den USA besucht und sind auch eine Weile zusammen gereist“, berichtet Ursula Schirrmeister. Mit der anderen Freundin, die ebenfalls nach dem Unglück bei ihnen unterkam, Mary Ann Leone, tausche man sich regelmäßig per Mail aus. Sie war es auch, die Volker und Ursula Schirrmeister vergangene Woche anschrieb und an das Ereignis erinnerte.

Die Gemeinde Bad Bellingen lädt anlässlich des Jahrestags des Zugunglücks am heutigen Mittwoch zu einer öffentlichen Gedenkfeier mit Zeitzeugen ein. Am Gedenkstein wird ab 18 Uhr in einer Feier an die Toten und Verletzten erinnert.

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