Basel Auf der Prärie ist es still geworden

Regio -  Buchhandlungen und Bibliotheken gehören zu den Gewinnern der Corona-Pandemie, da es in Lockdown-Zeiten offenbar viele Menschen wieder oder erstmals zum Schmökern treibt. Wen es in den Fingern juckt, in dieser Zeit wieder einmal zu den Werken des sächsischen Schriftstellers Karl May zu greifen, der findet beim Schweizer Karl-May-Freundeskreis (KMF), der auch Mitglieder in Basel und dem Dreiländereck hat, Gleichgesinnte. Die Corona-Pandemie macht aber auch vor Winnetou & Co. nicht Halt.

Der Vorsitzende Lorenz Hunziker beschreibt im Gespräch mit unserer Zeitung die derzeitige Stimmung so: „Das Vereinsleben liegt brach, weil wir keine Planungssicherheit haben, und alle sehnen die Treffen wieder herbei, denn uns fehlt die Gemeinschaft.“ Zwar tausche man sich regelmäßig via E-Mail aus, aber das sei nicht dasselbe.

Erschwerend kommt zum einen hinzu, dass die rund 25 Mitglieder des KMF über die gesamte Deutschschweiz verteilt sind, zum anderen, dass sie in einem Alter sind, in dem sie bereits zur Corona-Risikogruppe gehören. „Das Reisen quer durch die Schweiz ist für viele derzeit kein Thema“, sagt Hunziker. In den vergangenen Jahren hat sich Birsfelden zu einem der Hauptorte für die Veranstaltungen des KMF entwickelt.

„Wir sind eher ein Stamm als ein Verein“, sagt Hunziker lachend. Vor der Pandemie aber gab es einige Anlässe für die Mitglieder. Als bisher letzte Veranstaltung der Karl-May-Freunde fand Ende Februar 2020 ein Vortrag zum Bild Karl Mays im öffentlichen Bewusstsein statt. Der nächste, für April 2020 geplante Vortrag zu den Schweizerischen Karl-May-Festspielen in Engelberg fiel dann bereits der Corona-Pandemie zum Opfer, ebenso wie die Veranstaltung in Engelberg selbst.

Breites Mitgliederspektrum

„Die Veranstalter haben kein Geld mehr“, sagt Hunziker. Damit ist das Schweizer Pendant zu den deutschen Karl-May-Festspielen etwa in Bad Segeberg bereits nach zwei Jahren wieder Geschichte, was besonders die Bühnenliebhaber unter den Karl-May-Freunden schwer getroffen hat. „Wir haben Sammler, Film- und Bühnenfreunde, Juristen, Biografen und Literaten in unserem Verein“, sagt Hunziker, der sich selbst den Letztgenannten zugehörig fühlt.

Gleichwohl hat die Beschäftigung mit einem Schriftsteller den Vorteil, dass sie auch allein im stillen Kämmerlein erfolgen kann. „Viele von uns lesen wieder mehr als früher“, sagt Hunziker. Und da biete der oft auf seine Jugenderzählungen wie „Der Schatz im Silbersee“ (1894) reduzierte Schriftsteller Karl May (1842 bis 1912) einiges. „May hat zehnseitige Geschichten geschrieben und solche mit 3000 Seiten, er bietet vom Heimatroman über die Action-Erzählung und die Abenteuergeschichte bis hin zum philosophisch geprägten Spätwerk eine große Palette“, beschreibt Hunziker das, was für ihn die Faszination Mays ausmacht.

Er selbst ist kein ausgesprochener Freund von den Werken, die Karl Mays Bekanntheit bis heute begründen, denn: „May ist mehr als nur Winnetou. Seine Trilogie um den Häuptling der Apachen mag sein erfolgreichstes Werk sein, aber es ist nicht sein bestes.“ Hunziker bevorzugt eher das Spätwerk wie „Und Friede auf Erden“ (1901), in dem der Schriftsteller Ereignisse aus seinem damaligen Leben wie etwa die zahlreichen Gerichtsprozesse gegen sich verarbeitete.

Denn May nahm es mit der Wahrheit nicht immer genau: Zeit seines Lebens behauptete er, selbst Old Shatterhand respektive – im Fall der Orient-Erzählungen – Kara Ben Nemsi zu sein und die geschilderten Heldentaten selbst ausgeführt zu haben. Das wurde ihm im 19. Jahrhundert in der nach Exotik gierenden Leserschaft des deutschen Kaiserreichs nur zu bereitwillig abgekauft. „May wusste stets genau, für welches Publikum er schrieb“, sagt Hunziker. Erst im Alter wurden seine Gefängnisstrafen wie auch seine selbst gestrickte Old-Shatterhand-Legende hinterfragt.

Wann es derweil bei den Karl-May-Freunden wieder weitergeht, dazu will Hunziker keine Prognose abgeben. „Ursprünglich wollten wir das Jahresprogramm für 2020 auf 2021 übertragen, das ist aber hinfällig“, sagt er. Er befinde sich aber sowohl in Kontakt mit den bereits angefragten Referenten wie auch mit solchen, die bisher noch nicht auf dem Programm standen. „Die Ideen gehen uns auf jeden Fall nicht aus“, gibt er sich zuversichtlich. Bis dahin lässt sich ja zum Buch greifen.

Wahrnehmung ändert sich

Welche Erfahrungen sich dabei machen lassen, dazu schildert Hunziker ein Gespräch mit einem Karl-May-Freund. „Dieser hatte als Kind den Räuber Hotzenplotz und Karl May gelesen und hat beides jetzt wieder für seinen Sohn hervorgeholt“, legt er dar. „Er sagte zu mir, er sei überrascht gewesen, dass im Hotzenplotz noch dasselbe drinsteht, wie er es als Kind gelesen hat, aber bei Karl May etwas ganz anderes.“ Das zeige, wie sich die Wahrnehmung von Mays Werken mit fortschreitendem Lebensalter ändern könne. Nähere Informationen unter www.karlmayfreun­deskreis.ch.

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