Basel Aus dem Archiv des Lebens

Dachbodenfunde von Lois Weinberger aus seinem Elternhaus Stams in Tirol. Foto: Paris Tsitsos/Studio Weinberger

Basel - Am eindrücklichsten sind vielleicht die aufgereihten einzelnen Schuhe: winzige Kinderschühchen, große Arbeitsschuhe, ausgetreten, eingeschwärzt, verschlissen. Bei manchem mögen sie Assoziationen freisetzen und an die Schuhberge ermordeter Juden in den Konzentrationslagern denken lassen. Doch bei der Forschungsarbeit „Debris Field“ des österreichischen Konzeptkünstlers Lois Weinberger, die das Museum Tinguely ab heute präsentiert, darf und soll sich jeder seine eigene Geschichte spinnen.

Neben den Schuhen finden sich in Vitrinen Tierschädel, Beichtzettel, Ablassbilder, Pilgerzeichen oder eine Katzenmumie. Sie alle sind Reliquien vergangener Generationen, Riten, Lebensläufe. Zwischen den Jahren 2010 und 2016 sammelte, erforschte, archivierte und kombinierte der künstlerische Autodidakt Lois Weinberger diese für ihn sehr persönlichen Funde, die bei der Renovierung seines elterlichen Bauerngehöfts in Tirol zum Vorschein kamen.

Dialog mit dem „Mengele-Totentanz“

Diese Arbeit, die immer noch nicht abgeschlossen ist, korrespondiert inhaltlich und emotional mit der daneben befindlichen Dauer-Präsentation des „Mengele-Totentanz“ (1986) von Jean Tinguely selbst. Das Museum präsentiert mit Weinberger den inzwischen dritten künstlerischen Dialog zu Tinguelys Werk, das dieser bekanntlich aus den Überresten eines bei einem Großbrand zerstörten Bauernhauses schuf.

Auf den ersten Blick liegt der Fokus der Sonderausstellung „Debris Field“ auf der Vergänglichkeit. Gleichzeitig bezeichnet der Künstler, Forscher und Archäologe Lois Weinberger seine Ansammlung von Fundstücken aus seinem bäuerlichen Elternhaus als „Archiv des Lebens“.

Bei der Renovierung des einem Zisterzienserkloster angegliederten Bauernhofs wurden die Zwischendecken geöffnet. Im fast einen Meter dickem Dämmmaterial fanden sich überraschend gut erhaltene Relikte vergangener Zeiten, die ältesten aus dem 14. Jahrhundert.

So liegen in den Schaukästen wertvolle alte Münzen neben banalen Mäusenestern aus Zeitungsschnipseln. Das Kunstprojekt gibt Unbedeutendem genauso viel Raum wie historisch oder archäologisch wertvollen Funden.

Jedes Objekt hat eine Geschichte

Damit betrachtet der Künstler die Fundstücke als Marginalien, die für ihn das Eigentliche des Archivs – nämlich seine Lücken – definieren. Und diesen Lücken will er mit seinen dazu gesetzten poetischen Werken – Fotoarbeiten, Zeichnungen, Texten – Ausdruck verleihen.

Zu jedem der Fund-Objekte kann Weinberger eine Geschichte erzählen – eine spannende zudem. Über die eingerissenen Beichtzettel zum Beispiel. Sie dienten als Nachweis, dass man katholisch war, und somit eine Stelle bekam. Oder das Fläschchen mit Arsen, das die Bauern zur Leistungssteigerung nutzten. Rezepte aus der Mitte des 17. Jahrhunderts. Der halb verbrannte Entwurf einer Predigt. Die Mumie einer jungen Katze, die aus Aberglauben lebendig in den Zwischenboden eingenagelt wurde. Reliquienbehälter. Ein langes Totenbrett, auf dem aufgrund des Holzmangels die Toten statt in einem Sarg beerdigt wurden. Einzelne Schuhe Verstorbener, die ursprünglich von Reichen oder Adeligen stammten, die abgetragen oder halb kaputt an die Bauern weitergegeben wurden. Tierknochen von heimlichen Schlachtungen.

Weinberger hat all die Objekte scheinbar willkürlich kombiniert, sich von Intuition und Emotion leiten lassen. „Alles hängt mit allem zusammen“, sagte der Konzeptkünstler gestern vor den Journalisten.

Schade nur, dass der „normale“ Besucher von all den historischen Hintergründen wenig erfährt und etwas ratlos vor dem Sammelsurium stehen mag.

Weinberger fordert die Besucher indes zur intensiven Betrachtung, zum Sich-ZeitLassen auf. „Debris Field“ – das sei „seine Wahrheit“ betont er. Jeder darf und soll sich in dieser Schau seine eigene suchen. Durchaus eine Herausforderung.

  • 17. April bis 1. September, Di bis So, 11 bis 18 Uhr

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