Basel Ausnahmezustand

Basel - Wenn alles finster wird, die ersten Takte der „Pfyffer und Tamboure“ in den Straßen von Basel erklingen und Laternen stimmungsvoll die Nacht erhellen, dann ist Morgestraich. Die „drey scheenschte Dääg“ sind gestern unter dem Motto „Bis zletscht“ eröffnet worden. Tausende Besucher ließen sich das Spektakel nicht entgehen.

Pünktlich um 4 Uhr morgens wird es plötzlich stockdunkel in der Basler Innenstadt, wenn die Industriellen Werke Basel das Licht abschalten. Wer jetzt noch keinen guten Platz hat, verschiebt die Suche lieber auf später, denn im dichten Gedränge gibt es nun kein Durchkommen mehr.

Es vergehen nur wenige Augenblicke, und die Gassen werden erfüllt von der Marschmusik der Pfeifer und Trommler. Mit ihren kleinen Lampenhüten auf dem Kopf leuchten sie den Weg durch die Straßen.

Im Gedränge sind die Musiker aber trotz ihrer Leuchten schwer auszumachen, denn was wirklich ins Auge sticht, sind die hell leuchtenden großen Laternen, die vorwiegend gesellschaftskritische Sujets einer Welt im Ausnahmezustand aufgreifen.

Video: Adrian Steineck

Plastikmüll und Klimawandel

Die Themen Plastikmüll und Klimawandel haben viele Cliquen als diesjähriges Thema ausgewählt. Besonders eindrucksvoll ist eine Darstellung der Erdkugel, die todkrank und überhitzt nur noch von einem Atemschlauch am Leben gehalten wird.

Auf der anderen Seite dieser Laterne steht „Rettet dr glai Yysbäär“: Der kleine Eisbär aus der Bilderbuchreihe steht verängstigt auf einer winzigen Scholle, unter ihm lauert ein hungriger Hai. Die Cliquen greifen bewusst beliebte Charaktere auf, um dem Publikum die umweltpolitischen Themen näherzubringen.

„Helft uns!“

Die bekannten Zeichentrick-Unterwasserbewohner Nemo, Arielle die Meerjungfrau und der Spongebob appellieren auf einer Laterne: „Helft uns!“. Um sie herum liegt Plastikmüll, eine Schildkröte bahnt sich den Weg durchs Meer – um sie herum eine weggeworfene Tüte. „Är muess ewägg dä Blaschdygdrägg“, macht die Laterne die Aussage seines Sujets klar und deutlich.

Interessanter Kontrast: Auf der anderen Seite der kunterbunten Laterne steht „A world in plastic – it’s fantastic“ (eine Welt in Plastik ist fantastisch) – angelehnt an eine Zeile aus dem Lied „Barbie Girl“ von Aqua.

Weltpolitik

Der amerikanische Präsident Donald Trump war, wie bereits im Vorfeld angekündigt (wir berichteten), Thema einiger Laternen und somit Zielscheibe diverser Seitenhiebe. Extrem bissig: Ein Hundehaufen mit dem Gesicht und der markant gescheitelten Frisur des Präsidenten ziert die ganze Breitseite eines Laternenwagens. Eine andere Darstellung zeigt Trump als blinden Diktator – die Unterschrift kommt als Mahnung daher: „Wär sich nit an d’Vergangehait erinneret.“

Doch auch bei der eigenen Schweizer Kultur und Politik gibt es Punkte, die in den Laternensujets der Basler Cliquen aufgegriffen werden: Eine riesige Laterne in Schmetterlingsform zeigt eine blonde Frau nebst Schweizer Flaggen und der Aufschrift „Schynheilig Neitraal“. Die Frau zeigt mit dem Finger direkt auf die Zuschauer.

Beim Cortège gehen alle im Häs

Vor dem „Mählsuppe-Löffle“ machen die Cliquen abseits ihrer Route eine Verschnaufpause. Ein merkwürdiges Bild, die Musiker ohne ihre Masken mit Lampenhut zu sehen. „Zum Morgestraich tragen wir stets die gleichen Masken“, sagt eine Fasnächtlerin, die die Beleuchtung auf dem Kopf ihrer Clownmaske mit roten Haaren kurz an- und wieder ausknipst. Die Verkleidung darf sich zumindest für den Morgestraich jeder selbst aussuchen. „Beim Cortège kommen wir dann im einheitlichen Häs“, erläutert die junge Frau.

Monatelange Planung geht voraus

„Jede Clique hat einen eigenen Künstler, der sich um die Gestaltung der Laterne kümmert“, erklärt Fasnächtler Jörg von der traditionsreichen Clique „Alti Glaibasler“. Wenn es richtig schnell geht, könne die Planung und anschließende kunstvolle Ausarbeitung einer Laterne zwei bis drei Monate in Anspruch nehmen – oder es zieht sich eben länger. Hauptsache: Die Laterne ist bis zum Morgestraich fertig, dann sind alle zufrieden. 

Bei so vielen Monaten der Planung gibt es jedoch ein nicht ganz unwesentliches Detail, das im Vorfeld nie sicher ist: das Wetter. „Wir sind froh, wenn wir die Tage trocken überstehen“, sagt Jörg mit Blick gen Himmel. Beim Morgestraich bleibt es jedenfalls – sehr zur Freude der zigtausend Teilnehmer – trocken. „Ich wünsche Ihnen eine tolle Fasnacht“, ruft Jörg noch, bevor er mit seiner Clique weiterzieht.

Weitere Informationen: 72 Stunden Ausnahmezustand – das ist die Basler Fasnacht. Seit 2017 gilt sie als immaterielles Weltkulturerbe der Unesco und lockt tausende Besucher aus aller Welt in die Stadt am Rheinknie.Die „drey scheenschte Dääg“ dauern noch bis zum „Endstraich“ morgen Abend. Am heutigen Dienstag finden der Kinderumzug und die Laternenausstellung auf dem Münsterplatz statt. Morgen präsentieren sich ab 13.30 Uhr rund 12 000 Fasnächtler beim großen Cortège.

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