Basel - Es ist schon gespenstisch. Allein dass da auf der Großen Basler Bühne Chansons von Friedrich Hollaender gesungen werden, die zuletzt 1931 in Berlin erklungen sind. Die Zeitreise in die Weimarer Republik – die Goldenen Zwanziger neigten sich ihrem Ende dazu – lässt einem angesichts dessen, was wir heute wissen, Gänsehaut über den Rücken laufen. Der Krake, der in der Inszenierung von Christian Brey immer wieder seinen langen Armausläufer in die Szenerie hineinragen lässt, hätte es als Verkörperung des titelgebenden „Spuks” gar nicht gebraucht.

In der Originalrevue war es ein Einbrecher, der als vermeintlicher Besucher eines opulenten Kostümfestes in der Villa der Sterns „herumspukt”. Für die Zeitgenossen war darin leicht die Anspielung auf Hitler und den aufkommenden Nationalsozialismus zu erkennen, der – die im Programmheft abgedruckten Rezensionen aus mehreren Berliner Zeitungen beweisen es – schon damals seine Schatten ganz deutlich über die stolze Hauptstadt der Weimarer Republik geworfen hatte.

„Niemals war die Zeit ergiebiger für die Satire und die Parodie der Kleinkunst. Niemals war eine Zeit so gefährlich für die Ausübenden“, schrieb die Berliner Volks-Zeitung am 19. September 1931 hellsichtig. „An allem sind die Juden schuld“, heißt es in Hollaenders ironischem Couplet zur Melodie der „Habanera“ aus Bizets Carmen, der auch bei der erneuten Uraufführung in Basel wieder erklingt.

1933 emigrierte der Kabarettist und Komponist, dem die Nachwelt Lieder wie „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt verdankt, erst nach Paris, dann nach Hollywood. Einst feste Größe der Berliner Kulturszene der 1920er Jahre, stammte doch unter anderem die Musik zum Film „Der blaue Engel“ mit Marlene Dietrich aus Hollaenders Feder.

Wie ein Echo aus ferner Zeit

Nun, mit dem neuen Text von David Gieselmann, ziehen neurechte Zitate wie ein kalter Wind in die Villa des nur der Form halber verheirateten Paares. Schon dem Orginalstück von Hollaender wurde von jüdischer Seite vorgeworfen, mit seiner schillernden Bühnendarstellung die Lebensweise des jüdischen Bürgertums zu karikieren. Auch in der neuen Version geben sich zwielichte Gestalten aus allen Gesellschaftsschichten ein Stelldichein im Haus der Sterns, wenn auch nur wie ein Echo aus ferner Zeit, und allesamt verkörpert von dem alternden Butler James.

Das Team rund um den musikalischen Leiter Kai Tietje setzt die Lieder der originalen Revue „Spuk in der Villa Stern“ grandios in Szene, allen voran die drei Hauptdarsteller Noëmi Nadelmann (Frau Stern, auch: Minna, Regisseurin, Kommunistin, Diamanten-Mizzi und weitere Rollen); Michael von der Heide (Herr Stern, Fritzchen, ein Arbeiter, Hercule Poirot, Edgar Wallace und andere); sowie Karl-Heinz Brandt (James, der Kulturjournalist Ansgar Troog, Banker Simmelrott, Fedor Michalilowitsch Stawrogin und zum Schluss sogar als Frau).

Einige der eingängigen Melodien hat Tietje auf gelungene Art und Weise zu Duetten oder Terzetten umarrangiert. „Ja, wenn die Musik nicht wär“ oder „Die Kleptomanin“ erinnern an feierfreudige Zeiten, ein Titel mit dem Namen „Ich lass mir meinen Körper schwarz bepinseln“ wirkt durch die wiederaufgeflammte Blackfacing-Debatte überraschend aktuell.

Neben den mitreißenden Liedern ist es die opulent ausgeschmückte Bühne von Anette Hachmann, die in Erinnerung bleibt. Die üppig gedeckte Festtafel, Federn als Tischschmuck und nicht zuletzt der alles einrahmende Vorhang aus glitzerndem Lametta lassen den Eindruck von übermäßigem, fast schon frivol zur Schau gestellten Reichtum entstehen – ein zwiespältiges Bild, dem man ansieht, dass es nicht lange halten wird und das unter den diskursiven Angriffen des Kraken bald schon merklich ins Wanken gerät. 

  • Die nächsten Termine: 9., 23., 25. Februar