Von Irene Widmer

Einen Monat vor seinem 80. Geburtstag erscheint Hansjörg Schneiders Autobiografie „Kind der Aare“: eine Collage aus poetischen, melancholischen und bisweilen auch zornigen Momenten.

Die ersten paar Seiten gehören mithin zum Schönsten, was man im Bereich Autobiografie gelesen hat – dabei kommt der Autor außer im ersten Satz „Ich bin ein Kind der Aare“ gar nicht vor.

Schneider sinniert über die Aare, die im Gegensatz zum Rhein weiblich ist und, obwohl sie beim Zusammenfluss mehr Wasser in die Fusion einbringt, ihren Namen verliert. Wohl eben weil sie weiblich ist. Seine Heimat, der Aargau, schreibt Schneider, „ist ein Frauenland“, regiert von der Wassergöttin Verena. Überall begegnet er an Häusern von seinem Heimatort Zofingen bis ins Berner Oberland einem Ornament, das eine stilisierte zweischwänzige Nixe zeigt.

Bei einer Besichtigung des Klosters Wettingen verrät ihm sein Führer verschämt, diese Undine, die wie eine Gebärende mit jeder Hand ein gefloßtes Bein hochhält, sei da, um die Mönche zu versuchen. Was wie ein „Hunkeler und das Rätsel der doppelschwänzigen Wasserfrau“ anmutet, wird aber nicht weitergeführt.

Schneiders Affinität zu Wasserwesen war bekannt, man denke etwa an den Roman „Das Wasserzeichen“ oder sein Journalisten-Pseudonym Peter Fischwanz.

Züchtigender Vater: Schreiben als Asyl

Doch was den jungen Schneider prägte, waren zunächst nicht Wasser- und andere Frauen, sondern Männer. Vor allem der Vater, der ihn züchtigte und ihm alles vorschrieb, von der Kleidung über den Haarschnitt bis zur Musik. Nur beim Schreiben durfte er selbst entscheiden. „Ich wollte es schon immer tun, ich habe mich früh dafür entschieden.“ Er hatte noch nichts veröffentlicht, da ließ er schon „Schriftsteller“ als Beruf in den Pass eintragen.

Doch vor dem Schreiben kam das Verstummen. Als geschlagenes Kind stotterte Schneider. Und nachdem seine an multipler Sklerose erkrankte Mutter den Freitod gewählt hatte – da war er 16 – wurde in der Familie nicht mehr gesprochen. Immerhin auch nicht mehr geschlagen. Aber das Demütigen hatten inzwischen Lehrer übernommen. „Manchmal habe ich fast den Eindruck, dass die erziehenden Männer uns Buben als ihre geborenen Feinde betrachteten.“

Als junger Mann litt Schneider an Panikattacken. Traumanalyse half, aber auch die Liebe von Astrid, der Mutter seiner Zwillinge, die er mit 24 kennenlernte und die 1997 verstarb. Über sie schreibt er in „Kind der Aare“ wenig. In „Nachtbuch für Astrid“ – sein wahrscheinlich bestes Buch – steht, was zu sagen ist. Über Romane soll man nicht reden, die soll man lesen, postuliert Schneider.

Über seine bisher neun „Hunkeler“-Bestseller – weitere schließt er nicht aus – schreibt er wenig. Sie seien für ihn wie Stücke, bei denen er alles selber entscheide, bis hin zum Bühnenbild, sagt er.

Da ist sie wieder, die Selbstbestimmung, die ihm in jungen Jahren weggenommen wurde.

Neben der Fremdbestimmung ist es die Nichtbeachtung, die Schneider wütend macht: die schnöde Art beispielsweise, wie sein Antrag auf einen Beitrag aus dem Basler Literaturkredit abgeputzt wurde; die Hartnäckigkeit, mit der ihn der Schweizer Literaturpapst Werner Weber totschwieg; oder dass sein Name in Hans Mühlethalers Monografie „Die Gruppe Olten“ nirgends auftaucht, obwohl Schneider Wesentliches zu den Statuten der Gruppe beitrug.

Den größten Umfang in „Kind der Aare“ nehmen Schneiders Arbeiten für die Bühne ein epochemachende Stücke wie „Sennentuntschi“ oder „Der Erfinder“, von denen viele gar nicht wissen, dass sie von Schneider sind. Aber auch seine Arbeiten fürs Landschaftstheater, das ihm in seiner Volksverbundenheit ebenso lieb ist wie seine kragenlosen Bauernhemden.

Wohin auch immer die Erinnerung trägt

Alles in allem ist „Kind der Aare“ ein bisschen ein Tohuwabohu. Vom ersten Auswärtsessen mit der Familie – Hörnli und Spiegelei für alle –­ bis zu den wilden Nach-68er-Jahren am Theater Basel unter Werner Düggelin.

Aber das ist Schneider gewahr. Er wolle nicht Systematisieren, sondern seiner Erinnerung folgen, wohin sie ihn trage, schreibt er.

Wie einem Fluss, denkt man: mal ruhig dahintreibend, dann mäandrierend, strudelnd, Gischt sprühend. Hauptsache: nicht begradigt.  Hansjörg Schneider: „Kind der Aare“, Diogenes Verlag Zürich 2018, 338 Seiten, Gebunden Fr. 33.90, eBook 24 Franken