Basel Das kann sich hören lassen

David Afkham (Dirigent) und Francesco Piemontesi (Pianist) Foto: zVg/ Benno Hunziker Foto: Die Oberbadische

Von Jürgen Scharf

Basel. Wo wäre die zeitgenössische Musik ohne György Ligeti? Das Orchesterwerk „Atmosphères“ war 1961 bei den Donaueschinger Musiktagen sensationell. Eine wirklich atmosphärische Musik. Obwohl Ligeti nicht an kosmische Dinge gedacht hat, sondern an Sensationen in der Luft, passt das Stück auch in den Weltraum. Stanley Kubrick haben diese neuen, unendlichen Klänge inspiriert, und er hat sie als ideale Musik für das Universum in seinem Film „2001 – A Space Odyssey“ verwendet.

„Atmosphères“ ist ebenso ein Klangereignis beim Konzert des Sinfonieorchesters Basel am Mittwoch im voll besetzten Musiksaal des Stadtcasinos. Flirrende Klänge, ein Säuseln, schneidend hohe Töne, Zurückgleiten in Tiefbässe, endloses An- und Abschwellen, Flimmern vor den Augen, Verschwimmen der Klänge, imaginativ, halluzinatorisch, zum Schluss Wind- und Anblasgeräusche, so könnte man seine Höreindrücke beschreiben.

Gastdirigent aus Freiburg

Der 31-jährige deutsch-persische Gastdirigent David Afkham aus Freiburg steht erstmals am Pult der Basler. Und es beeindruckt mächtig, wie er dieses vibrierende Modell einer Farbkomposition, dieses Phänomen einer informellen Luft-Musik realisiert. Spannungsreich und irisierend, wie er mit dem fabelhaft vorbereiteten Orchester die Cluster (Tontrauben) herausarbeitet.

Der Kontrast zum nächsten Werk kann nicht größer sein. Bei Ligeti die Dekonstruktion, bei Beethoven die Konstruktion. Beethovens drittes Klavierkonzert geht Francesco Piemontesi, ein junger Pianisten aus der italienischen Schweiz – gleichaltrig wie der Dirigent –, völlig unverkrampft an. Mit großer Klarheit, entschlackt, geradezu apollinisch, deutlich im Duktus, temperamentvoll und mit disziplinierter Kraft (Solokadenz im Kopfsatz). Erstklassig, wie er das pianistisch macht, in einer auf Charakterisierung, Farbe und Anschlagsnuancen zielenden Interpretation. Logische Phrasierung, strukturbetontes, blitzsauberes Spiel, der Solopart eng verzahnt mit dem flexibel begleitenden Sinfonieorchester – das kann sich hören lassen. Da muss der Tessiner Pianist mit Beifall ja geradezu überschüttet werden und für eine Zugabe (Mendelssohn, Etüde a-Moll) wieder aufs Podium zurückkehren.

Die mutige und unkonventionelle Programmkonzeption von Orchesterdramaturg Hans-Georg Hofmann schafft nach der Pause wieder neue Kontraste. Mit der zehnten Sinfonie von Schostakowitsch aus dem Jahr 1953, mit der sich der russische Komponist nach Stalins Tod endlich Luft verschafft. Ob nun der kurze zweite Satz, grob gesagt, ein musikalisches Porträt von Stalin ist, wie der Komponist offenbart, ist für die Interpretation zweitrangig. Jedenfalls ist dieses Scherzo von beispielloser Brutalität und Härte.

Mit kontrollierter Aggressivität gelingt es dem jungen Dirigenten, dieser bitterbösen Groteske, diesem demaskierenden Zerrbild, beizukommen. Überhaupt imponiert, wie er in der sehr motivierten Wiedergabe dieses monumentalen, über 50-minütigen Werks, mit gutem Dispositionsvermögen die Orchesterwellen aufbaut und von Steigerungen zu Höhepunkten führt. Afkham weiß, worauf es bei dieser Musik ankommt..

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