Basel Das „Stachelschwein“ der Literatur

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James Joyce (1882 bis 1941) gilt als einer der bedeutendsten Schriftsteller der Moderne (siehe Infokasten). Der Autor, der für seinen Biographen Richard Ellmann das „Stachelschwein unter den Dichtern“ war, hat mit „Ulysses“ (1922) ein Buch geschrieben, das von einer Fachjury zum bedeutendsten englischsprachigen Roman des 20. Jahrhunderts gewählt wurde. Zugleich gilt das komplexe und vielschichtige Werk als eines jener Bücher, die zwar von vielen Lesern begonnen, aber von wenigen beendet werden.

Von Adrian Steineck

Basel. Ein Gespräch mit Andrew Shields, Übersetzer, Autor, Song-Schreiber und Englisch-Dozent an der Universität Basel, ist nie eine Einbahnstraße. Shields dreht den Spieß schon einmal um, stellt Rückfragen, will die Meinung seines Gegenübers erfahren und hält im Gegenzug mit seiner Ansicht nicht hinter dem Berg. Dies umso mehr, wenn es – kurz vor dem 100. Jahrestag des Erscheinens von „Ulysses“ – um ein Thema geht, das dem Anglisten erkennbar am Herzen liegt: Leben und Werk des irischen Schriftstellers James Joyce.

Frage: Herr Shields, den irischen Schriftsteller James Joyce verbindet man in der Schweiz am ehesten mit Zürich, wo er als junger Mann lebte, später nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs Zuflucht suchte und wo er im Jahr 1941 auch verstorben ist und begraben wurde. Welche Verbindung hat Joyce aber nach Basel?

Er hat durchaus Verbindungen in die Region. So hat er im südbadischen Raum nach einer Klinik für seine Tochter Lucia gesucht (Lucia Joyce, die von 1907 bis 1982 lebte, litt an Schizophrenie, befand sich bei dem Schweizer Psychoanalysten Carl Gustav Jung in Behandlung und wurde Mitte der 1930er-Jahre in die psychiatrische Klinik Burghölzli in Zürich eingewiesen, Anmerkung der Redaktion). In Basel ist im Jahr 1927 auch die erste deutschsprachige Übersetzung des „Ulysses“ erschienen, und die Stadt war für ihn natürlich immer wieder die Durchgangsstation.

Frage: Bis 2019 wurde in Basel der größte „Bloomsday“ der Schweiz gefeiert. Wie ist es dazu gekommen?

Der „Bloomsday“ geht ja auf den „Ulysses“ zurück, dessen Handlung an einem einzigen Tag, dem 16. Juni 1904, spielt. Mit Michelle Witen hatten wir an der Universität Basel eine Joyce-Expertin, die den 16. Juni über sechs oder sieben Jahre hinweg groß gefeiert hat. Da wurden Gerichte aus Joyces Werken nachgekocht, es gab Musik, es gab Lesungen, es wurde gemeinsam gelacht. Witen unterrichtet mittlerweile in Flensburg, und es gibt sogar Basler Studenten, die extra wegen des „Bloomsday“ nach Flensburg fahren. Das war so sehr mit ihrer Person verbunden, dass ich selbst eine Neuauflage nur in kleinem Rahmen wagen würde.

Frage: Stichwort „Ulysses“: Wer im Internet nach Listen jener Bücher sucht, die nicht zu Ende gelesen werden, der stößt schnell und immer wieder auf den „Ulysses“. Ist dieses Werk ein Klassiker, den niemand zu Ende liest?

(lacht) Es gibt durchaus Warnungen vor dem „Ulysses“, und es muss einem als Leser auch klar sein, dass man nicht alles verstehen wird. Aber man tut dem Buch recht, wenn man damit und darüber lacht. Damit, weil es wirklich sehr lustig ist. Joyce selbst hat es als Komödie verstanden, in der Erhabenes und Banales, Alltägliches gleichberechtigt nebeneinander stehen. Und man kann darüber lachen, weil heutzutage vieles aus dem Jahr 1922 unverständlich ist. Da darf man durchaus auch über die eigene Verlegenheit lachen, wenn man etwas nicht versteht. Aber ich habe Verständnis für jeden, der den „Ulysses“ nicht zu Ende liest. Ich selbst habe ihn beim ersten Mal nicht zu Ende gelesen.

Frage: Das müssen Sie erklären...

Das Buch habe ich zum ersten Mal während der Semesterferien gelesen, und als ich alle 18 Kapitel bis auf das letzte, den langen Monolog von Molly Bloom, gelesen hatte, ging das Semester wieder los. Es hat dann 15 Jahre gedauert, bis ich mir gesagt habe: Komm, dieses Buch musst du jetzt doch zu Ende lesen.

Frage: Das spricht ja sehr dafür, dass der „Ulysses“ schwierig zu lesen ist.

Die ersten paar Kapitel sind gar nicht so schwierig: Es passiert etwas, es gibt eine Figurenentwicklung, es gibt Dialoge. Am Anfang ist der „Ulysses“ nicht anders als andere Romane auch. Erst allmählich wird es schwieriger. Oder was meinen Sie?

Frage: Mein Eindruck beim Lesen war, dass Joyce seinen Lesern Zeit geben will, sich allmählich an die Neuerungen, die er bringt, zu gewöhnen. So setzt er etwa den inneren Monolog, der die Gedanken seiner Figuren sichtbar machen soll, zu Beginn nur ganz behutsam.

Ja, das sehe ich auch so.

Frage: Aber noch einmal: Warum sollte man den „Ulysses“ heute, 100 Jahre nach seinem erstmaligen Erscheinen in Buchform, noch lesen?

Wegen des Spaßes. Der „Ulysses“ macht Spaß, und auch andere Bücher von Joyce machen Spaß. Man muss dem Buch trauen, und man muss sich selbst trauen, es zu lesen. Wenn man das tut und sich darauf einlässt, dann gibt es einem etwas. Und Joyce gibt einem weitaus mehr als die meisten anderen Schriftsteller. Meine eigene Leseerfahrung mit ihm dauert schon fast 40 Jahre an.

Frage: Sein Biograph Richard Ellmann hat geschrieben, dass Joyce es nicht darauf anlegt, uns als Leser zu erobern. Er will uns vielmehr zwingen, ihn zu erobern.

Das ist schön gesagt. Wenn man Joyce liest, dann prägt es einen auch und verändert einen. Ich kenne sonst nur wenige Bücher, bei denen einem auch Jahrzehnte, nachdem man sie gelesen hat, noch ganze Passagen immer wieder spontan einfallen.

Frage: Der „Ulysses“ wurde von einer Jury aus Schriftstellern und Literaturkritikern zum bedeutendsten englischsprachigen Roman des 20. Jahrhunderts gewählt. Zu Recht?

Was sagen Sie denn dazu?

Frage: Das erinnert mich an die alle zehn Jahre herausgegebene Liste des British Film Institute mit den besten Filmen aller Zeiten. Nachdem dort jahrzehntelang „Citizen Kane“ (1941) von Orson Welles ganz vorne stand, kam bei der jüngsten Abstimmung im Jahr 2012 Alfred Hitchcocks „Vertigo“ (1958) auf Platz eins. Es sind beides großartige Filme. Aber gibt es wirklich den einen besten Film oder den einen besten Roman?

Die Liste des British Film Institute, die Sie ansprechen, hat klare Kriterien wie etwa den Einfluss auf andere Werke oder die Reichhaltigkeit. Wenn ich diese Kriterien auf Romane anlege, dann muss ich sagen, dass es kein anderes Buch als den „Ulysses“ gibt, der auf Platz eins gehört. Wobei die Liste der Modern Library eine sehr konservative Liste ist.

Frage: Inwiefern?

Wenn ich die 100 Titel durchgehe, dann finde ich gerade einmal sechs Titel von Frauen und zwei oder drei von dunkelhäutigen Schriftstellern. Aber meine Meinung ist: Auch bei einer sehr viel unkonventionelleren Liste der 100 besten englischsprachigen Romane des 20. Jahrhunderts müsste der „Ulysses“ meiner Meinung nach auf Platz eins stehen.

Frage: Wie beurteilen Sie denn die übrigen Werke von James Joyce? Oft stehen diese ja etwas im großen Schatten des „Ulysses“.

Mein erstes Buch, das ich von ihm gelesen habe, war „Ein Porträt des Künstlers als junger Mann“ (1916). Es hat mich sehr begeistert, und das Beeindruckendste für mich: Als ich es nach 35 Jahren wieder gelesen habe, kam es mir vor, als hätte ich es erst vor kurzem zum ersten Mal gelesen. Ich liebe auch seine Kurzgeschichtensammlung „Dubliner“ (1914). Der Schluss seiner Geschichte „Die Toten“ gehört für mich zum Schönsten, was jemals in englischer Sprache geschrieben wurde. Als ich diese Geschichte zum ersten Mal gelesen habe, da begann ich auf einmal unbewusst, sie laut vorzulesen, weil die Sprache so wunderschön ist. Erst nach zwei Sätzen habe ich gemerkt, dass ich sie laut lese. Zu „Finnegans Wake“ habe ich eine Lesegruppe gegründet, die aber seit dem Frühjahr 2020 pausiert.

ist 1964 in Detroit (Michigan) geboren und lebt seit 1995 in Basel als Dozent für Anglistik an der Universität. Er hat Gedichtbände veröffentlicht, ist als Übersetzer tätig und bezeichnet sich als „Joyce-Kenner“, nicht als „Joyce-Gelehrten“.

ist am 2. Februar 1882 in einem Vorort von Dublin geboren und am 13.  Januar 1941 in Zürich gestorben. Zu den Werken des Schriftstellers gehören die Kurzgeschichtensammlung „Dubliner“ (1914) sowie die Romane „Ein Porträt des Künstlers als junger Mann“ (1916), „Ulysses“ (1922) und „Finnegans Wake“ (1939).

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