Basel Dekonstruktion des perfekten Körpers

Beim inklusiven Festival Wildwuchs kratzen die Künstler hart an der Schmerzgrenze des Publikums. Foto: zVg

Basel/Birsfelden - Grenzen aufbrechen, gesellschaftliches Verhalten sezieren und vor allem die Teilhabe Aller daran: Beim inklusiven Festival Wildwuchs kratzen bekannte und unbekannte Künstler hart an der Schmerzgrenze des Publikums. So auch bei der Doppel-Vorstellung am Mittwoch im Theater Roxy. Die Tänzerinnen Lila Derridj und Maria Tembe zwingen das Publikum dabei gekonnt aus der Wohlfühlzone.

„Zerbrechlichkeit ist eine große Kraft“, philosophierte Lila Derridj im Gespräch mit dem Publikum. Während im Kapitalismus wenig Raum für vermeintliche Schwächen sei, wollte sie aber gerade diese auf der Bühne zeigen.

Als eine „Ode an die Möglichkeiten des Körpers“ sieht die algerisch-französische Tänzerin ihr Solostück „une bouche“ an, mit dem sie sich zugleich gegen die diskriminierende Vorstellung eines idealen Körpers wehrt. „Viele Menschen denken, es ist unmöglich, zu sein wie wir sind, und professionelle Künstler zu sein“, gab sie zu bedenken. Mit ihrer „Strip orthese“, wie sie es nennt, also dem sinnlichen Entkleiden mit und ohne Prothesen, will sie auch ihre erotische Seite zeigen. Eine andere Form der Ästhetik, die selten im Mainstream gezeigt wird.

Für diesen künstlerischen Fokus auf Menschen mit Besonderheiten ist das Wildwuchfestival 2018 mit dem Schweizer Theaterpreis ausgezeichnet worden, bei dessen Gründung 2001 war es eines der ersten inklusiven Festivals der Schweiz. „Diese Besonderheiten werden hier von Einschränkung oder sogenannten Behinderungen zu Fähigkeiten, zu Talenten, zur Chance auf eine besondere Sichtweise auf das Leben und die Welt“, hieß es in der Begründung.

Mit „Solo für Maria“ zog Maria Tembe denn auch das Publikum mit minimalem Musikeinsatz und eindringlicher Mimik in ihren Bann. Inspiriert von ihrer eigenen Biografie, tastete sie sich behutsam auf der dunklen Bühne vor, nahm Stück für Stück mehr Raum auf dieser ein, ward immer mutiger uns ausdrucksstarker.

Neben ihrer eigenen Suche, zwischen gesellschaftlicher Erwartung und persönlichem Glück, steht aber auch das Leben der Frauen in Mosambik im Fokus. Beinahe poetisch deplatziert informiert ein Schriftzug über deren Gewalterfahrung, von Zwangsheirat und Vergewaltigungen, für die die Täter nicht bestraft werden.

Nur schwer zu ertragen ist die szenische Darstellung dieser sexuellen Gewalt, untermalt von Nirvanas „rape me“ (vergewaltige mich) und Tembes eindringlichem Blick, mit dem sie die Zuschauerreihen fixiert. Auf die überwältigende Intensität folgt dann eine ebenso kraftvoll getanzte Emanzipation, die mit stehenden Ovationen honoriert wird.

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