Basel Dichtelust statt Dichtestress

Archivfoto Foto: Michael Werndorff

Basel - Im Kanton Basel-Stadt mit seinen 37 Quadratkilometern sind freie Flächen ein rares Gut. Wachstum kann nur nach innen stattfinden: Bauliche Verdichtung heißt das Zauberwort. Wie Städte und Planer damit umgehen, zeigt eine Ausstellung des Schweizerischen Architekturmuseums in Basel.

Mehr Raum für Gewerbe und Wohnen: Das kann in vielen Gemeinden der Schweiz nur gelingen, wenn dichter gebaut wird, um so der Zersiedelung der Landschaft wirksam entgegenzuwirken. Dabei wird von Kritikern nicht selten der Begriff des Dichtestresses angeführt und das Bild von mit Hochhäusern überwucherten historischen Stadtkernen präsentiert. Und: Gerade vor dem Hintergrund der Masseneinwanderungs- und Eco-Pop-Initiative wurde der Begriff Dichte oft negativ konnotiert und im Schlagabtausch der politischen Lager emotional eingesetzt. Nicht umsonst ist das Wort Dichtestress 2014 zum schweizerischen Unwort des Jahres erklärt worden.

Was bedeutet Dichte eigentlich?

Dass es in der Form des urbanen Zusammenlebens auch Dichtelust geben kann, zeigt das Schweizerische Architekturmuseum in seiner jüngsten Ausstellung. An 25 konkreten Beispielen wird veranschaulicht, was Dichte eigentlich bedeutet: die maßvolle und kompakte Ausnutzung des bebaubaren Territoriums, wie in der Schau zu erfahren ist. Sie untersucht unterschiedliche Formen historischer Dichte und zeitgenössischer Nachverdichtung und macht klar, wie Dichte zur Lebensqualität beiträgt: Sie schafft für den Einzelnen, die Gesellschaft und die Umwelt einen konkreten Mehrwert, sind die Macher überzeugt.

Für die verantwortlichen Stadtplaner bedeutet bauliche Verdichtung durchaus Mehraufwand, und zwar, wenn es darum geht, die Bürger mit ins Boot zu holen. Die Abstimmung Stadtrand-Ost mit geplanten Wohnhochhäusern ist vor einigen Jahren knapp an den Stimmen aus der Gemeinde gescheitert. „Die Konsequenz ist, dass wir ständig Überzeugungsarbeit leisten müssen, auch wenn die Verdichtung nach innen teilweise mit Nachteilen verbunden, aber immer noch besser ist als eine Zersiedelung der Kulturlandschaft. Das verstehen immer mehr Menschen, und wir haben große Fortschritte gemacht“, sagte Martin Sandtner, Leiter des Basler Planungsamtes, in einem Interview mit unserer Zeitung.

Menschen verursachen Dichtestress selbst

Die typische Aversion gegen Dichte sei für Raumplaner und Architekten ein Paradox, erklärte Kurator Andreas Kofler im Rahmen der Vernissage. Denn: Der oftmals zitierte Dichtestress habe seinen Ursprung im Umland, also dort, wo Menschen im Einfamilienhaus leben und auf dem Weg von und zur Arbeit im Stau und überfüllten Zügen stecken würden. „Die Menschen beklagen sich über Dichtestress, dabei verursachen sie ihn selber“, meinte Kofler.

Die Ausstellung zeigt an 25 Beispielen, wie aus Stress Lust werden kann und wo für die Menschen konkret ein Mehrwert geschaffen wurde: So wird am Beispiel der Schaukäserei in Greyerz gezeigt, wie im ländlichen Raum im dörflichen Bestand ein großer Betrieb mit Produktionsanlagen und sechs Gebäuden untergebracht werden kann. Die Architekten haben das Problem gelöst, indem oberirdisch eine lockere Bebauung realisiert und die eigentliche Käserei unter die Erde verlegt wurde.

Ein anderes Beispiel lenkt den Blick nach Genf, wo ein Bauherr in einer Baulücke zwei Hochhäuser errichten wollte, was am Widerstand der Anwohner zu scheitern drohte. Nach intensiven Gesprächen mit der Bürgerschaft wurde das Projekt schließlich genehmigt. Bewohner und Nachbarn sollen sich mittlerweile zu einer verschworenen Gemeinschaft entwickelt haben. Es wurde auf ausreichend Begegnungsfläche und eine gute soziale Durchmischung geachtet, was auch bei Basler Planern ein wichtiger Aspekt ist.

Auf Transformationsarealen wie Volta Nord soll Gewerbe und verdichtete Wohnbebauung unter einen Hut gebracht werden (siehe auch Regio-Hintergrund in der morgigen Ausgabe), wobei eine Parkanlage mit viel Grün Raum für Begegnungen ermöglicht. Laut Sandtner ist der Bau von Hochhäusern eine Möglichkeit der baulichen Verdichtung. „Generell orientieren wir uns an der Umgebung und überlegen, was städtebaulich jeweils verträglich ist. So kommen ganz klassische Bebauungsmuster zum Einsatz“, erklärte Sandtner.

Fest steht: Mit einer „ausgewogenen Gesamtstrategie“ will die Regierung innerhalb des bestehenden Siedlungsgebiets die Attraktivität und Lebensqualität steigern, wie Bau- und Verkehrsdirektor Hans-Peter Wessels im Zusammenhang mit der Diskussion um Volta Nord sagte.

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