Basel Die allerletzte Premiere

Drei Mal Kristina Nel: Grandioses Solo der Schauspielerin, die in Dario Fos Stück „Offene Zweierbeziehung“, der letzten Förnbacher-Premiere, alle Rollen spielt. Foto: Jürgen Scharf

Von Jürgen Scharf

Basel. Die Zeit läuft... Nur noch bis Ende September, dann ist Schluss für die Helmut Förnbacher Theater Company im Badischen Bahnhof Basel. Bevor das Bühnenlicht ausgeht, sollte man das eigens aufgelegte Sommerprogramm unbedingt beachten.

Nicht nur die großen Klassiker werden noch einmal en suite gespielt, fast jeden Abend ein anderes Theaterstück: Komödie, Drama, Boulevard. „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“, Goethes „Faust“, der Bühnenhit „Extrawurst“, der Dürrenmatt-Krimi „Der Richter und sein Henker“, die typisch französischen Gesellschaftskomödien „Der Vater“ oder „Der Vorname“ – sie stehen ebenso auf dem Sommerspielplan wie Molières „Eingebildeter Kranker“, das finale Spektakel „Amadeus“ über den „Kindskopf und Flegel“ Mozart, die Liebesgeschichte „My Way“ mit Sinatra-Songs oder das Gegenstück zu Caveman aus der Sicht der Frau: „Männer und andere Irrtümer...“.

So könnte man auch gut und gern die Gesellschaftssatire „Offene Zweierbeziehung“ nennen, eine Bearbeitung von Regisseur Helmut Förnbacher nach Dario Fo und Franca Rame. Es ist ein Solo für Kristina Nel, diese wunderbare Schauspielerin, die schon seit 24 Jahren im Förnbacher-Theater Hauptrollen spielt. Ehemann Helmut Förnbacher sieht sein „Up-Date“ als eine Hommage an seine Frau, die noch einmal zeigen kann, wie toll Theater für Schauspieler ist.

Es ist die definitiv allerletzte Premiere in der Theaterhalle im Badischen Bahnhof (wenn nicht die Deutsche Bahn in letzter Minute eine andere Weiche stellt). Förnbacher musste in dieser Ausnahmesaison erleben, dass es „nichts Traurigeres gibt als ein geschlossenes Theater“. Das Berufsverbot traf die freien Theater schwer. Und so sah man an der Premiere einen Theaterleiter, der mit einem lachenden und einem weinenden Auge vors Publikum trat. Da geht eine Ära zu Ende.

Es lohnt sich, die niveauvollen Inszenierungen noch einmal anzuschauen. Nicht zuletzt dieses jüngste Stück, das sich unglaublich gut als furioses Frauensolo eignet. Eigentlich ist es ja ein Zwei-Personen-Stück und eine ausgemachte Tragikomödie. Frau Antonia wird von ihrem Ehemann nach Strich und Faden betrogen. In schöner Regelmäßigkeit versucht sie sich, das Leben zu nehmen, er ist davon unbeeindruckt, ein Zyniker. Um seine sexuellen Triebe außerhalb der Ehe ausleben zu können, schlägt er ihr eine offene Partnerbeziehung vor, nichts ahnend, was er damit anrichtet. Antonia dreht den Spieß um – und ihr Mann bleibt auf der Strecke.

Nun sieht man in diesem Solo nicht dieses beschämende Bild eines Mannes in persona, aber man hört ihn reden und erlebt ihn in den entsprechenden Gesten, ironisch grinsend, Zigarette rauchend. Eine schier unglaubliche schauspielerische Leistung, die hier Kristina Nel zeigt. Sie spielt alle Rollen selber – bis hin zum coolen Sohn mit Rappermütze und Kopfhörern. In Sekundenschnelle reagiert sie, wechselt die Seiten, verwandelt sich, bringt erfrischende Selbstironie ein, etwa, wenn sie sich „verjüngt“ und Fitness macht.

Man muss es gesehen haben, wie sie den Geschlechterkampf ausficht, den Dialogwitz alleine unterbringt. Dem Zuschauer macht es Vergnügen, obwohl sich alles um das Drama des Lebens und Liebens dreht. Wie bei „Männer und andere Irrtümer“, wo es um eine verlassene Frau und eine neugewonnene Freiheit geht, greift Kristina Nel auch hier zum Revolver. Spannend, wie sie die fiese, subversive Taktik des Mannes unterläuft und ihn mit seinen eigenen Waffen schlägt – überzeugende, große Schauspielkunst.

Umso lieber bleibt man dran, auch weil der Abend mit Chansons der Diseuse Liv Markus angereichert wird, die am Schluss noch eine Schlüsselrolle spielt. Mehr wird aber jetzt nicht verraten.   Termine: 21. und 27. August, 4. und 28. September, jeweils 19.30 Uhr. Vorverkauf: Tel. 0041/61 361 90 33

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