Basel Eigenwilliges Familiendrama

Die Oberbadische, 14.04.2018 05:12 Uhr

Von Wolfgang Huber-Lang

Basel. Ersan Mondtag gilt als eines der wichtigsten Regietalente Deutschlands und war bereits zweimal zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Nun inszenierte der Berliner erstmals in Basel. „Kaspar Hauser und Söhne“ ist ein fast vierstündiges, eigenwilliges Familiendrama.

Für das Auftragswerk arbeitete Mondtag zum dritten Mal mit der Autorin Olga Bach zusammen. Ihr Stück hat freilich mit dem historischen Kaspar Hauser, einem mysteriösen Findelkind, das 1828 in Nürnberg aufgegriffen und fünf Jahre später ermordet wurde, kaum etwas gemein. Dafür konfrontiert es einen mit jeder Menge Kaspar Hausers und stellt sie allesamt als Sprösslinge eines 1890 gegründeten, Holzrahmen herstellenden Betriebs vor. Ihre Geschicke werden in vier Etappen über die Generationen verfolgt: 1940, 1960, 1990 und 2018.

Der Abend zeigt eindrucksvoll jene Stärken und Schwächen, mit denen der 1987 in eine türkische Kreuzberger Familie geborene Regisseur innerhalb weniger Jahre zu einer der umstrittensten und begehrtesten Nachwuchskräfte Deutschlands wurde: seine prägnante Handschrift, mit der er als sein eigener Bühnen- und Kostümbildner seinem Hang zum Gesamtkunstwerk ungehindert nachgibt, seine Negierung von klassischen Theater-Parametern wie klar konturierten Figuren und nachvollziehbarer Handlung, aber auch seine inhaltliche Diffusität.

Nackte Fettklöße im bunten Puppenhaus

Was Mondtag mit „Kaspar Hauser und Söhne“ genau erzählen möchte, lässt sich schwer sagen. Nur wie er es erzählt, lässt sich beschreiben.

Mondtag schickt jedem Akt einen Film-Vorspann voraus, der die überlieferte Hauser-Geschichte noch am deutlichsten aufgreift. Er bedient von Anfang an jene Grusel-Elemente, die für ihn typisch sind: düstere Wolken, Spannungs-Musik, Käuzchen-Rufe. Er hat seine acht Darsteller erneut in jene bemalten Fatsuits gesteckt, die bereits seine Inszenierungen „Vernichtung“ und „Das Internat“ geprägt haben. Und er hat diesmal ein Riesen-Puppenhaus gebaut, das einen förmlich umhaut.

Von diesem Haus geht alles aus. Ein kindlich-bunt angemaltes, enges Heim aus Pappe mit zwei überaus niedrigen Stockwerken und einer Dachmansarde sowie einem rückwärtigen Anbau samt Matratzenlager.

Hier wird gesägt und geschrieben, gegessen und geschimpft, geliebt und gehasst, geschlafen und gevögelt. Gelebt eben.

Dazu gibt es eine etwas abseits gelegene, von einem Portal aus rosa Neon markierte Kellertreppe, von der schon mal laute Schmerzensschreie herauftönen, wenn ein Vater-Kaspar mit einem Sohn-Kaspar (sie sind von 1 bis 7 durchnummeriert) in der Unterwelt verschwindet.

Nachdem Mondtag zunächst mit einem auf das Haus projizierten Film, in dem die Erschaffung des Pinocchio jener des Frankenstein ähnelt, eine falsche Fährte legt, schält sich aus dem ganzen mittelständischen Schlamassel von Kleingewerbe und Kleinfamilie allmählich ein Geschichtenstrang, der erklärt, warum der Abend in der (ansonsten in keiner Weise angedeuteten) Nazi-Zeit beginnt: einer der Kaspars, vom Zittern geplagt und als Simulant verunglimpft, wird in eine der neuen „Pflege- und Heilanstalten“ versorgt.

Ein dunkler Fleck in der Familienchronik, in der nach der Wiedervereinigung kurzfristig glanzvolle Seiten aufgeschlagen werden, ehe Wohlstandsverwahrlosung und Vernachlässigung der Sorgfaltspflicht die Zerrüttung vorantreiben. Elias Eilinghoff gelingt es dabei als stets aufs Neue drangsalierter Junior am besten, trotz Kostüm und Maske eine Figur zu entwickeln, mit der sich mitleiden lässt.

Frischer Wind, noch gewöhnungsbedürftig

Sprachlich zwischen Fantasiesprache-Gestammel, fast herkömmlichen Dialogen und einem Verlain-Lied schwankend, findet der Abend sein Ende im Klamauk: Die Jugend will das bankrotte Familienunternehmen durch Herstellung nachhaltigen Holzspielzeugs mit Online-Versand wieder flott machen und versucht, die grantige Großmutter (mit gespenstischer Grandezza: Vincent Glander) zur Herausgabe des Markennamens zu bewegen. Und dann ist es plötzlich aus. Ganz ohne Schlusspointe.

Langer Schlussapplaus aus den in der Pause deutlich gelichteten Reihen der Premierengäste belohnte Ensemble und Regieteam. Ein Blockbuster wird diese Aufführung wohl dennoch nicht. Aber Andreas Beck hat erneut bewiesen, dass er eine gute Nase hat für neue Strömungen. Ob der frische Wind bald wieder abflaut oder doch zum Sturm wird, dürfte erst die Zeit erweisen.