Basel Eine Feier des Lebens und der Liebe

Jürgen Scharf
In großer Besetzung wartete das Lesefest zum Auftakt der Wintergäste-Saison mit Boccaccios „Decamerone“ auf.                                                        Foto: Jürgen Scharf

Von Jürgen Scharf

Regio. Die Wintergäste sind zurück! Am Sonntag kehrten sie in der Reithalle des Riehener Wenkenhofs ein und meldeten sich auf der Lesebühne zu Wort – erstmals mit einem ganztägigen Lesefest zum Thema „Moment und Ewigkeit“. So viel Literatur an einem Tag war noch nie bei dieser Reihe!

Giovanni Boccaccio

Zuletzt saßen sieben Schauspieler und ein Musiker bei der größten Inszenierung, dem „Decamerone“, auf dem Podium. Mit der Novellensammlung von Giovanni Boccaccio, Weltliteratur aus der Renaissance, war der Schluss- und Höhepunkt des Lesemarathons erreicht. Natürlich gab es nicht die 100 Geschichten aus diesem Riesenbuch aus dem Italien des 14. Jahrhunderts. Aber allein die geschickte Auswahl von Dramaturgin Marion Schmidt-Kumke, die seit Jahren die szenischen Lesungen konzipiert und realisiert (wir berichteten), bot einen köstlichen Einblick in diesen Novellenzyklus mit seiner Feier des Lebens und der Liebe.

Da konnten die Zuhörer einmal frühe europäische Erzählkunst und Unterhaltungsliteratur hautnah erleben, in sieben szenisch aufbereiteten Kurzgeschichten, die es in sich hatten! Schmidt-Kumke hat witzige Schwänke ausgesucht, die ins Erotische, ja Obszöne abschweifen und die derbe Komik dieser „Bibel der Erzählkunst“ herausstellen. Boccaccio war ein Meister der lasziven Novellen, und gerade die anzüglichen Geschichten sind vielleicht das Beste, was er geschrieben hat.

Da mimen Sibylle Mumenthaler und Emilia Haag hoch oben auf dem Lesepodium zwei dreiste, lüsterne junge Nonnen, die im Klostergarten lustwandeln und gern mal ausprobieren wollen, was für ein Tier der Mann sei. Während die eine sich mit dem Gärtner Masetto vergnügt, schiebt die andere Wache. Auch die übrigen Nonnen wollen untersuchen, wie der angebliche Taubstumme sich auf die Reitkunst versteht. Selbst die Frau Äbtissin teilt die gleiche Lust mit ihren Klosterschwestern.

Es ist das frechste und amüsanteste Lesefutter für diese Wintergäste-Besetzung mit Haag, Mumenthaler, Doris Wolters, Mario Fuchs, Christian Heller, Vincent Leittersdorf und dem Musiker und Komponisten Ben Jeger. Wie sie mit Hohn und Spott diese gar nicht klösterlichen Umtriebe darstellen, war nicht nur ein Fest fürs Hören, sondern auch fürs Sehen.

Auch die weiteren pikanten Histörchen aus dem „Decamerone“ geben dem Publikum Gelegenheit zum Lachen und Tuscheln. Etwa in nicht ganz jugendfreien Geschichten wie der, wie man aus einer Frau eine Stute macht, oder wie sich Peronella mit ihrem Buhlen Giannello ergötzt und sich dieser bei der verfrühten Rückkehr des Gatten im Weinfass versteckt.

Vergnüglich auch die scherzhafte Erzählung vom einbeinigen Kranich, in der Mario Fuchs den Koch und Christian Heller den Herrn gibt. Der schreit „Ho! Ho!“, erschreckt die Kraniche, die dann zweibeinig entfliegen. Zu diesen Episoden spielt Ben Jeger auf dem Akkordeon mal eine Musette oder etwas Italienisches und zum Schluss tanzen die Akteure ausgelassen.

Alice Munro

Zuvor war der Multiinstrumentalist an der Glasharfe und der singenden Säge zu hören wie in der Kurzgeschichte „Der Bär kletterte über den Berg“ der kanadischen Erzählerin Alice Munro, einer Meisterin der Short Story. Auf der Bühne schlüpfen Vincent Leittersdorf und Doris Wolters in die Figuren von Grant und seiner Ehefrau Fiona, die zunehmend dement wird. Sie erkennt ihren Mann nicht mehr, dämmert vor sich hin und hegt im Heim Zuneigung zu einem im Rollstuhl sitzenden Patienten.

Mit viel Einfühlungsvermögen und Empathie bringen die beiden bewährten Schauspieler diese berührende Ehegeschichte, die auch eine Lebensgeschichte ist, dem Publikum nahe: Liebe in Zeiten des Pflegeheims. Die Zuhörer folgen ihren Gedankengängen und Gefühlen, ihren Handlungen und Beweggründen, werden in Munros erzählerischen Kosmos hineingezogen. Grants Traum ist mit mysteriösen Klängen unterlegt, teils steht die Musik für sich allein. Die Geschichte hat ein offenes Ende. Ob sie noch eine glückliche Zeit zusammen haben?

Christoph Ransmayr

Begonnen hat das (Lese-)Fest der Kurzgeschichten am Vormittag mit dem ersten Set: drei Stücken von Christoph Ransmayr, alles Preisreden, für die er Erinnerungen in Erzählungen verwandelt. In der letzten („An der Bahre eines freien Mannes“) reflektierte Christian Heller die Geschichte des Sohnes eines soeben Verstorbenen, die mit dem Schicksal von Michael Kohlhaas verwoben ist.

Danach gingen die Literaturfreunde, von denen sich viele alle drei Sets anhörten, in die erste große Pause, konnten draußen beim Buffet verweilen und sich für die nächsten Etappen dieses geballten Lese-Tages wappnen.   Nächste Wintergäste: So, 23. Januar, 11 und 16.30 Uhr, Dreiländermuseum Lörrach

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