Basel „Es kam einem Erdbeben gleich“

Die Schweizerische Nationalbank hat am 15. Januar 2015 unerwartet den Euro-Mindestkurses zum Franken aufgehoben. Foto: Archiv Foto: Die Oberbadische

Basel - Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hat heute vor fünf Jahren den Euro-Mindestkurs aufgehoben und damit nicht nur an den Finanzmärkten ein Erdbeben ausgelöst. Unser Redakteur Michael Werndorff sprach mit Gabriel Barell, Direktor des Gewerbeverbands Basel-Stadt, über diesen denkwürdigen Tag und die Folgen für Handel und Wirtschaft in Basel.

Herr Barell, was waren Ihre ersten Gedanken und Gefühle, nachdem bekannt wurde, dass die Schweizerische Nationalbank den Mindestkurs von 1,20 Franken gegenüber dem Euro aus heiterem Himmel aufhebt?

An diesen Tag erinnere ich mich ganz genau: Ich war damals in Klosters auf der jährlichen Wintertagung des schweizerischen Gewerbeverbands, wo mich die Information erreichte. Mein erster Gedanke: Das ist ein Erdbeben! Insbesondere für einen großen Teil unserer Mitglieder. Ich bin dann umgehend in den nächsten Zug nach Basel gestiegen und habe mich mit meinen Mitarbeitern ausgetauscht, was wir nun tun können.

Die Lage am Finanzmarkt war an diesem Tag unübersichtlich. Der Franken-Euro-Kurs änderte sich minütlich, Banken stellten den Geldwechsel ein, und Analysten diskutierten das Vorgehen der SNB und die Folgen.

Ja, und die Meinungen über die Auswirkungen der Aufhebung des Wechselkurses gingen weit auseinander. Während die einen für bestimmte Branchen mit ganz gravierenden Folgen rechneten, waren andere davon überzeugt, dass die Schweizer Wirtschaft robust genug sei, das Erbeben unbeschadet zu überstehen.

Für uns galt aber weder die eine noch die andere Meinung. Wir haben umgehend überlegt, was wir beitragen können, um einigermaßen akzeptable Rahmenbedingungen für das heimische Gewerbe zu sichern.

Und wie sahen die Maßnahmen des Gewerbeverbands aus?

Wir haben damals eine Liste mit rund 70 Faktoren aufgestellt, die den Umsatz des Gewerbes in Basel beeinflussen. Und von diesen fanden wir in Zusammenarbeit mit unseren Mitgliedern einige Kategorien, wo wir ansetzen konnten. Die Maßnahmen reichten von der Aufwertung der Basler Innenstadt, zum Beispiel mit Sitzgelegenheiten, über vergünstigte Parktarife bis hin zu unserem Einsatz für Erleichterungen in der Besteuerung. Es gibt aber auch Grenzen: Das Internetshopping als Konkurrenz für lokale Händler können wir nicht beeinflussen.

Und wie haben die Maßnahmen dazu beigetragen, den Frankenschock abzufedern?

Man muss sich bewusst sein, dass die von uns ergriffenen Maßnahmen langfristig wirken und die Umsetzung Zeit brauchte. Diese mussten erst einmal den politischen Prozess passieren.

Kurz zur Situation: Damals wurde ein Einkaufshype ausgelöst, bei dem es wirklich irrationale Handlungen gab. Die Schweizer sind für Kleinstbeträge über die Grenze zum Einkauf nach Deutschland gereist. In dieser Phase haben die kleinen Schritte, um die Rahmenbedingungen zu verbessern, nicht gewirkt. Mit der Zeit haben die Maßnahmen aber gegriffen.

Wie war die Lage für die Basler Gewerbetreibenden? Herrschte bei diesen angesichts des nun noch attraktiveren Einkaufstourismus nach Süddeutschland eine Art Untergangsstimmung?

Teils, teils. Bei einigen Gewerbetreibenden herrschte diese Stimmung, weil sie den abrupten Frequenzrückgang in ihrem Unternehmen direkt gespürt haben, während andere von einer robusten Schweizer Wirtschaft überzeugt waren.

Was war vor dem Hintergrund der SNB-Entscheidung und möglicher Folgen für die Schweizer Wirtschaft Ihre größte Sorge?

Ganz klar: Die Sorge vor dem Verlust von Arbeits- und Ausbildungsplätzen angesichts eines Umsatzrückganges. Wir haben viele Familienbetriebe, deren Existenzgefährdung ging mir auch durch den Kopf.

Sind die Befürchtungen der Basler Gewerbetreibenden eingetreten?

Zum Teil leider ja. Wir haben in den ersten Monaten Geschäftsaufgaben miterleben müssen, was damals auch durch die Presse ging. Die Kundenfrequenz hatte damals deutlich abgenommen, was gerade im Einzelhandel einen Arbeitsplatzabbau zur Folge hatte.

Aber: Von Natur aus ist das kleine und mittlere Unternehmertum robust und innovativ. Viele Firmen haben sich durchgeschlagen, Ideen entwickelt und dem Frankenschock getrotzt.

Hat sich der Rückgang der Kundenfrequenz in Basel wieder erholt?

Nein, es gibt nach wie vor weniger Kunden als vor dem Frankenschock. Aber das ist nicht ausschließlich auf die SNB-Entscheidung zurückzuführen. Der Internethandel und weitere Faktoren wie Städte-Einkaufsreisen tragen auch dazu bei.

Die große Profiteure waren Grenzgänger und Einkaufstouristen. Wer waren Ihrer Meinung nach die Verlierer der SNB-Entscheidung?

Ganz klar: Einzelhandel, Gastronomie und Hotellerie. Letztere hat sich aber recht robust gezeigt, unter anderem weil die Messen noch stabil aufgestellt waren. Exportorientierte Firmen waren besonders stark betroffen. Aus Sicht des Importeurs von Schweizer Produkten hat sich deren Preis damals in kürzester Zeit drastisch verteuert.

Rückblickend: Hat die SNB Ihrer Ansicht nach damals richtig gehandelt? Kritiker sagen: Eine schrittweise Kursentkopplung wäre besser gewesen.

Nun, ich bin zwar Volkswirt, aber kein Notenbanker, und ich habe auch keinen Einblick in die konkreten Hintergründe, die damals zu dieser Entscheidung führten. Aus Sicht der Mitglieder des Gewerbeverbands muss ich klar sagen, dass eine schrittweise Entkopplung für die Unternehmen besser gewesen wäre. Das hätte den Firmen die Möglichkeit gegeben, sich anzupassen. Zudem hätte ein schrittweises Vorgehen auch nicht diesen Einkaufshype ausgelöst.

Wie bewerten Sie den aktuellen Franken-Euro-Kurs, der sich derzeit wieder der Parität nähert?

Mit 1,08 Franken beziehungsweise 1,07 sind wir weit weg von 1,30 Franken, der einmal die Kaufkraft-Parität widerspiegelte. Eine konkrete Zahl kann ich nicht nennen, sie würde derzeit wohl tiefer liegen als 1,30 Franken.

Auf deutscher Seite versucht man, mit einer jüngst eingeführten Bagatellgrenze von 50 Euro im Einkaufstourismus – jedenfalls bis ein automatisiertes Verfahren etabliert wird – der Flut grüner Zettel Herr zu werden. Wie bewerten Sie das Vorgehen, und denken Sie, dass der Schweizer Handel davon profitiert?

Für das Vorgehen unserer deutschen Nachbarn habe ich Verständnis. Es wäre für uns sogar besser, wenn die Bagatellgrenze noch deutlich höher wäre, so wie es in Frankreich der Fall ist. Als das Thema erstmals auf die Agenda kam, haben wir mit keinen großen Auswirkungen auf den Schweizer Handel gerechnet.

Nun zeigen erste Auswertungen, dass in deutschen Geschäften eher mehr eingekauft wird, um die Bagatellgrenze zu überschreiten –­ zum Nachteil der Schweizer Unternehmen.

Abschließende Frage: Wie sieht die Bilanz der Gewerbetreibenden nach fünf Jahren aus? Und wie ist die Grundstimmung?

Diese ist nach wie vor in vielerlei Hinsicht angespannt, insbesondere bei den Zulieferern in der Automobilbranche, die in Deutschland vor Problemen steht. Aber unsere kleinen und mittleren Unternehmen versuchen sich anzupassen und stellen sich dem Wettbewerb. Dort, wo die Diskrepanzen im Wettbewerb zu groß sind, ist es sehr herausfordernd.

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