Basel „Hausarbeit ist nicht genetisch bedingt“

Basel - Für Chancengleichheit im Beruf: Der "Global Summit of Women" findet dieses Jahr vom 4. bis 6. Juli zum ersten Mal in Basel statt und dient als wichtiges wirtschaftliches Ausstauschforum für weibliche Führungspersonen und Unternehmerinnen. Dieses Jahr werden wieder bis zu 1000 Teilnehmerinnen und über 80 Ausstellerinnen erwartet. Denis Bozbag sprach im Vorfeld des Gipfels mit Präsidentin Irene Natividad über die aktuellen Herausforderungen von Frauen in der Berufswelt, Chancengleichheit und die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Work-Life-Balance.

Frau Natividad, besuchen Sie das erste Mal die Stadt Basel?
In meiner Funktion als Organisatorin des "Global Summit of Women" bin ich bereits das vierte Mal in Basel. Ich war davor schon in anderen Schweizer Städten. Ich habe Basel gewählt, weil es die Infrastruktur besitzt, die wir für ein großes Forum wie das Frauen-Gipfeltreffen benötigen. Die frühere Bundesrätin Doris Leuthard hatte mich auf Basel aufmerksam gemacht.

Was war die Motivation, die Organisation „Globe Women“ im Jahr 1990 ins Leben zu rufen?
Es gab keine globale Plattform, die sich ausschließlich auf die Förderung des wirtschaftlichen Fortschritts für Frauen fokussierte, und dies ist die Basis für den Gipfel. Wir haben uns auch frühzeitig dazu entschieden, Lösungen und Handlungsrichtlinien zu entwickeln, anstatt uns mit den Schwierigkeiten der Frauen zu befassen. Das geschah schon bei anderen Wirtschaftstreffen. Es wurde gleich zu Beginn festgelegt, dass alle drei Bereiche der Gesellschaft vertreten sein würden – Regierung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft – da Veränderungen, die Frauen zugutekommen sollen, nur möglich sind, wenn die drei Bereiche ihre Kräfte vereinen.

Wie sah die Situation der Frauen auf der Arbeit damals aus?
Leider gab es damals die gleichen Herausforderungen, mit denen Frauen heute noch konfrontiert sind – die Schwierigkeit, die häuslichen Aufgaben mit denen am Arbeitsplatz zu vereinbaren, die ungleiche Bezahlung der Frauen und die bloße Diskriminierung als Frau. Der Unterschied zu heute besteht darin, dass die Frauen -– dank #MeToo – aktiver sind. Beispiele hierfür sind der Frauenstreik in der Schweiz vor zwei Wochen, die großen Frauenmärsche in vielen Ländern und die Wahl einer Rekordzahl von Frauen in den US-Kongress vergangenen Herbst sowie die Menge an  engagierten Frauen, die damals abstimmen gingen. Frauen wollen nicht länger schweigen und den Status Quo hinnehmen.

Welche Fortschritte wurden Ihres Erachtens seit 1990 erzielt? Und was sind noch die großen Herausforderungen für die Gleichstellung von Frauen am Arbeitsplatz?
Was #MeToo zeigte, ist das anhaltende Machtgefälle, dem Frauen am Arbeitsplatz ausgesetzt sind. Das macht sie für sexuelles Fehlverhalten von männlichen Vorgesetzten verwundbar. Obwohl Frauen immer besser ausgebildet sind, stehen sie kaum an der Spitze von Ländern, Unternehmen oder Institutionen. Weltweit gibt es nur etwa zehn weibliche Staatschefs. In Europa gibt es nur zwei weibliche Unternehmenschefs von Blue-Chip-Firmen, während in den USA nur fünf Prozent der Fortune-500-Unternehmen von Frauen geführt werden. Im Parlament sind weltweit nur ein Viertel der Gesetzgeber Frauen.
Der von mir erwähnte Aktivismus macht Fortschritte, und wir sind ihn den mutigen Frauen schuldig, welche die sexuelle Belästigung durch mächtige Männer öffentlich gemacht haben. Die schiere Anzahl an Anschuldigungen, die männliche Führungskräfte in Wirtschaft, Politik, Unterhaltung und Sport zum Fall gebracht haben, sowie die umfassende Berichterstattung in den Medien, bei der „sexuelle Belästigung“ für die breite Öffentlichkeit explizit definiert wurde, haben zu einer neuen Betrachtung von sexueller Diskriminierung geführt.

Wie sieht diese neue Betrachtung aus?
Die Unternehmen überprüfen derzeit ihre Verhaltensregeln, führen interne Schulungen durch, während US-amerikanische Investoren wie Blackrock, die Unternehmen befragen, ob sie Frauen in ihren Vorständen haben. Die #MeToo Bewegung geht weiter und ist jetzt in anderen Ländern angelaufen, sodass möglicherweise weitere Veränderungen folgen werden.

Was sind die Schlüsselfaktoren für eine gute Balance zwischen Erfolg bei der Arbeit und Erfolg zu Hause?
Ganz einfach - ein unterstützender Partner. Ich hatte Glück, einen zu finden. Bei der Arbeit - ein Mentor, der Sie auf dem Weg zu einer erfolgreichen Karriere unterstützt.

Wie können Männer zu einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie von Frauen beitragen?
Haushalts- und Kinderpflegeverantwortung zu Hause teilen! Es reicht nicht aus, den Müll zu entfernen und von Zeit zu Zeit etwas zu reparieren. Männer müssen verstehen, dass ihre Frauen nicht mehr Zeit haben als sie selbst und sollten stolz auf sie sein. Hausarbeit ist nicht genetisch bedingt.

Liegen die USA, in denen sich Ihre Organisation befindet, nicht immer noch hinter Europa und anderen Ländern, wenn es um gesetzliche Regelungen wie bezahlte Elternzeit geht?
Ja, mein Land liegt bei vielen Initiativen zur Gleichstellung der Geschlechter hinter Europa zurück. Wir bekommen keinen Elternurlaub bezahlt. Wir haben einen geringeren Prozentsatz von Frauen in Unternehmensvorständen. Wir würden die von der Schweiz in Erwägung gezogene aggressive Gesetzgebung zur Lohngleichheit niemals in Betracht ziehen.

Warum ist das so?
Ich habe keine Universalantwort auf diese Frage, außer dass US-Unternehmen eine Phobie davor haben, dass die Regierung ihnen vorschreibt, was sie tun sollen. Ein Beispiel für diese Anti-Haltung bietet die derzeitige Regierung, die in einer Vielzahl von Bereichen Regulierungen zurückgefahren hat. Bedenken Sie, dass die USA aus Bundesstaaten besteht. Welche Gesetzgebung auch immer die Bundesregierung nicht vorantreiben will, können dies die einzelnen Staaten indes für sich tun. So wird es zum Beispiel nie eine US-Bundesquote für Frauen geben, dafür hat Kalifornien gerade eine solche für alle dort ansässigen Unternehmen eingeführt. Manchmal hängt die Gleichstellung bei uns davon ab, wo eine Frau lebt.

In vielen Ländern der Welt ist die Situation der Frauen so schlecht, dass sie nicht einmal Zugang zu angemessener Bildung haben und gezwungen sind, sich auf die Rolle als Ehefrau und Mutter zu beschränken. Glauben Sie, wir können in den nächsten Jahrzehnten Chancengleichheit für alle Frauen auf der Welt erreichen?
Das hoffe ich sehr. Deshalb organisiere ich dieses jährliche Gipfeltreffen, damit wir Initiativen untereinander austauschen können, die irgendwo funktioniert haben und möglicherweise von anderen Ländern oder Unternehmen oder kleinen Unternehmen übernommen werden können. Frauen lernen am besten voneinander. Manchmal sind Länder mit weniger Ressourcen kreativer als wohlhabende, wenn es darum geht, die Herausforderungen zu lösen, denen sie gegenüberstehen. Denken Sie daran, dass die Schweiz den Frauen erst in den 1970er Jahren das Wahlrecht verlieh, weit später als in vielen anderen Teilen der Welt – einschließlich der Schwellenländer.

Mehr Infos zum "Global Summit of Women"
Der globale Frauengipfel wurde als Schnittstelle konzipiert, in dem alle Sektoren – öffentlich, privat und gemeinnützig – unter der gemeinsamen Vision zusammenkommen, die wirtschaftlichen Chancen von Frauen weltweit durch den Austausch von Arbeitslösungen und kreativen Strategien zu verbessern.
Seit 1990 verbindet der Gipfel Frauen in der Wirtschaft und in der Regierung weltweit. Zum ersten Mal findet er nun in der Schweiz in Basel statt.

Zur Person: Irene Natividad
Die ehemalige Beraterin von Hillary Clinton, Irene Natividad, ist Präsidentin des „Globe Women Research and Education Institute“, Präsidentin des „Global Summit of Women“, eines jährlich internationalen Gipfeltreffens von Frauen in Führungspositionen aus allen Gesellschaftsbereichen. Zudem ist sie Vorsitzende der Vereinigung „Corporate Women Directors International (CWDI)“, die die Beteiligung von Frauen in Unternehmensvorständen weltweit fördert. Seit den 1960er Jahren macht sie sich für die Rechte von Frauen stark.

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