Basel Himmlische Chorklänge

Die Oberbadische, 10.02.2018 04:52 Uhr

Von Jürgen Scharf

Riehen. In Großbritannien herrscht eine einzigartige Chortradition, die bis ins 15. Jahrhundert zurückreicht. Weltberühmt sind die Chöre der Kathedralen und Universitäten, und es gibt einen reichen Schatz an englischem Chorrepertoire. Eine der Erben dieser jahrhundertelangen Tradition ist der Tenebrae Choir, der von Nigel Short, einem ehemaligen Mitglied der berühmten King’s Singers gegründet wurde.

Tenebrae ist ein ganz exzellenter britischer Kammerchor, der am Donnerstag im ausverkauften Saal des Landgasthofs in der Reihe „Classics!“ die legendäre Qualität britischer Chöre hörbar machte. Die Vokalisten präsentieren in bester Tradition, schwebungsfreier Intonation und perfekter Vokaltechnik einen Streifzug durch die große A-cappella-Literatur vom 16. bis zum 21. Jahrhundert.

Wer den Chor mit dem „himmlischen“ Programm unter dem Titel „A Hymn of Heavenly Beauty“ erlebt hat, weiß, dass er in einer Linie steht mit so berühmten Vokalensembles von der Insel wie den Tallis Scholars, dem Hilliard Ensemble oder dem Monteverdi Choir. Der Chorklang von Tenebrae ist ebenso volltönend wie differenziert und flexibel.

Das hörte man gleich eingangs in der exzellenten Wiedergabe von Alonso Lobos „Versa est in luctum“, wo man die Kunstfertigkeit der Renaissancemusik entdecken konnte, die eigentlich nur Gottes Ohr erreichen sollte. Auch die berühmte Begräbnismusik „Burial Sentences“ von William Croft/Henry Purcell bot ein in sich gerundetes Bild von der englischen Vokalpolyphonie. Die hochexpressiven Sätze von Thomas Tallis liegen Tenebrae ganz besonders gut, wie man an der Ausdrucksintensität ablesen konnte, die kaum zu überbieten ist.

Dass gerade diese altenglische Musik zu einem lebendigen Hörmuseum wurde, hing auch damit zusammen, dass dieser Spitzenchor aus London die Form eines Wandelkonzerts wählte, in unterschiedlichen Aufstellungen im Saal sang, von hinten, von beiden Seiten und in unterschiedlichen Besetzungen, hinter der Bühne wie ein Fernchor, was besondere Raumklangwirkungen brachte und die Alte Musik zu einem faszinierenden Klangerlebnis für heutige Ohren machte.

Auch John Taverners vielgesungenes „Ikos“ liegt diesen Stimmvirtuosen des solistischen Ensemblegesangs, die sich aus Mitgliedern der Chöre von Westminster Abbey, St. Paul’s Cathedral und den Londoner Opernhäusern rekrutieren. Der moderne Komponist mit seiner expressiven Harmonik und dem Unisonogesang ist Mittelalter modern. In Taverner „Song for Athene“ mit seiner archaischen, statischen Orgelpunkt-Tongebung des Bordun-Basses, über dem Gregorianisches erklingt, zeigt der Chor Sicherheit in Stilvariationen der Gegenwart.

Das war mindestens so beeindruckend wie die verschiedenen ekstatischen „Hallelujahs“, der triumphale russische Lobgesang von Rachmaninow, bei dem die polyphonen Strukturen deutlich durchhörbar waren, die spätromantische englische Klangsprache von Gustav Holst oder der flächige Klangteppich des populären Eric Whitacre, der schon fast als Rockstar der Chorszene gilt und von den Sängern viel stimmliche Beweglichkeit fordert.

Tenebrae kann dank ausgewogener stimmlicher Register und präziser Deklamation, die den Mönchen in den Klöstern Paroli bieten könnte, alles realisieren – die ganze komplexe Gesangskunst von der Gregorianik bis zu den zeitnahen musikalischen Devotionalien eines Taverner. Dieser phänomenale Chor stellt damit der britischen A-cappella-Chortradition das beste Zeugnis aus!