Basel Hochprozentiger Musik-Cocktail

Von Jürgen Scharf

Basel. Der erste Gedanke: Da gibt es doch eine alte Platte mit Bach-Präludien und Fugen aus dem „Wohltemperierten Klavier“, auf der der Brasilianer Heitor Villa-Lobos die Violoncello Society dirigiert, ein Orchester aus 32 Cellisten. Ganz so viele hat das Sinfonieorchester Basel nicht. Aber acht reichen auch für ein klangsattes Celloensemble, das Villa-Lobos’ Bachianas Brasileiras Nr.1 farbig und lebendig spielen kann.

„Salon Cellissimo“ war dieser Auftakt der neuen Cocktail-Konzertreihe überschrieben, bei dem sich die Cellogruppe auf eine Reise nach Südamerika macht. In dieser Saison sollen, so der Dramaturg Hans-Georg Hofmann, einmal die Register des Orchesters näher bei solchen Lounge-Konzerten vorgestellt werden.

Diesmal reichten die Cubes, die Sitzwürfel im Großen Festsaal des Stadtcasinos, nicht aus, es musste rundum bestuhlt werden, was wieder mehr Konzertsaal- als Clubatmosphäre schafft.

Natürlich schwimmt man auch etwas mit auf der Welle der bekannten Celloformationen wie den sechs Philharmonischen Cellisten Köln oder den Zwölf Cellisten der Berliner Philharmoniker. Aber dass das Programm gelungenen Porträtcharakter hatte, dafür sorgten schon die verschiedenen Instrumentalbearbeiter.

Das bei uns zu Unrecht arg vernachlässigte brasilianische Kraftgenie Villa-Lobos einmal zu hören, macht zudem ein großes Plus an Repertoirewert. So war dieses Special zur Cocktailzeit mit musikalischem Caipirinha hoch willkommen. Zumal die acht Basler Cellisten ein kraftvoll gespanntes und in den Kantilenen schöne Melodiebögen verströmendes Spiel präsentieren.

In der fünften der Bachianas, in denen Villa-Lobos die brasilianische Folklore mit Bachscher Musik zu verschmelzen weiß, wechselt die katalanische Sopranistin Nuria Rial ihr Fach von der Barock- und Alten Musik und kam uns einmal modern. In den melodiösen Vokalgemälden wie der melancholischen Aria (Cantilena) und der Dança, in der ein Vögelchen von einem Geliebten erzählt, zaubert sie viel Atmosphäre und trifft den Pulsschlag dieser sinnlichen Musik mit ihrem mädchenhaften, unverbrauchten lyrischen Sopran, der zartesten Liebreiz verströmt. In ihrer Mischung aus Schlichtheit und Raffinement sind diese Lieder wie geschaffen für die natürliche Schönheit ihrer Stimme.

Ebenso wie die Zugabe, ein von Nuria Rial mit unvergleichlichem Charme vorgetragenes schlichtes wie apartes Lied aus den „Chants d’Auvergne“ von Joseph Canteloupe in einem durchsichtigen und duftigen Arrangement für Celloensemble und Sopran von Willi Vogl. Dem Grenzach-Wyhlener Komponisten gelingt das Kunststück, die Farben der Auvergne auch in dieser reduzierten Instrumentalfassung immer durchscheinen zu lassen.

Was für Villa-Lobos Bach war, war für Astor Piazzolla Vivaldi. Wer sich bei der kurzen Pause dieser südamerikanischen Soiree noch mit Champagner aus dem Foyer eingedeckt hat, konnte sich dann als letzten musikalisch hochprozentigen „Cocktail“ Piazzollas von Vivaldi inspirierte „Vier Jahreszeiten“ genehmigen.

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