Basel Hoffnung auf ‚erasmische‘ Harmonie

Samuele Sciancalepore, David Delacroix, Judith Gerster und Désirée Meiser machen Geschichte zum Kunstgenuss. Foto: Willi Vogl Foto: Die Oberbadische

Von Willi Vogl

Basel. „Keinem will ich angehören“, so das Motto des jüngsten literarischen Kammerkonzerts in der Basler Papiermühle. Désirée Meiser las aus „Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam“ von Stefan Zweig. Unabhängig voneinander bekundeten mir gegenüber zwei ältere Herren, dass sie die Thematik der Lesung für „aktuell“, ja „als für die heutige Zeit politisch brisant“ erachten würden. Dadurch geriet ich ins Grübeln. Politische Brisanz in der Kunst? Wohl komme auch ich allmählich in ein Alter, in dem man glaubt, allein durch Reflexion historischer Problemstellungen für aktuelle gesellschaftliche Aufgaben gewappnet zu sein oder solche allein durch Erfahrungsabgleich lösen zu können.

Worum ging‘s? Im literarischen Porträt des Erasmus von Rotterdams von Stefan Zweig wird ein Gelehrter des Ausgleichs und der Versöhnung zwischen Katholizismus und Lutheranertum gezeichnet. Erasmus kritisiert zwar den Papst als individuell Handelnden, kann sich jedoch nicht zur Verurteilung der Kirche als Institution durchringen. Mit seiner Lehrmeinung vom freien menschlichen Willen stand er gar im Widerstreit mit zwei konfessionellen Lagern. Gleichzeitig zeigte er sich damit in späteren Zeiten als Integrationsfigur für ein von Glaubenskriegen zu befreiendes Europa.

Erasmus von Rotterdam, ein Visionär des Guten, ein großer Europäer. Wer möchte dem widersprechen? Politisch korrekt halte ich als Möchtegerneuropäer nicht nur ihn, sondern auch seinen literarischen Biografen Stefan Zweig für bedeutend. Gern auch die Protagonisten dieses literarischen Konzerts. Auch die Protagonisten dieses… Stopp!... Zuvor wäre noch die Frage des Kunstgenusses zu klären.

Désirée Meiser, die auch für die Textauswahl verantwortlich zeichnete, las Stefan Zweigs dichten Text konzentrationsfördernd deutlich. Tempoführung und emotionale Einfärbungen erweckten den Eindruck, als ob der Autor selbst aus dem Moment heraus seine Sicht auf die historische Person formuliert. Der Porträtierte wurde lebendig.

Nicht minder lebendig agierten die Kammermusiker des Sinfonieorchesters Basel Samuele Sciancalepore (Kontrabass) sowie David Delacroix und Judith Gerster (Violoncelli). Dabei schien György Kurtágs „Message-consolation“ für Kontrabass solo mit seinen bedächtig geführten Oktaven und kleinen Nonen die beschauliche Ruhe des Konzertraums abzubilden. Im Kontrast hierzu stand Heinz Holligers „Recitativo passionato“ für Violoncello solo mit exaltierter sprachnaher Figürlichkeit, von David Delacroix klug und äußerst differenziert inszeniert. Farbenreich und vielgestaltig zeigten sich Rudolf Kelterborns Notturni für Violoncello und Kontrabass. Waberndes Flageolett, schlagendes Holz und säuselndes Tremolo fügten sich unter den Händen von Sciancalepore und Delacroix zu einem überzeugenden Ganzen. Felix Baumanns „anhaltend“ hingegen erwies sich als zusammenhangloser Katalog von artikulatorischen Kategorien, deren Kontraste eine Vielfalt lediglich vorzugaukeln suchten.

Welcher hohen Spielerklasse die Interpreten angehörten, war immer wieder auch in den eingestreuten Tänzen der französischen Renaissance zu hören. Schnörkellos und mit exzellentem Sinn für die Bedeutung jedes einzelnen Tones entstanden dabei hinreißende Triosätze.

Brisanz wurde hier in den Werken und ihrer Darstellung deutlich. Ob die Brisanz von Literatur und Musik und damit die Bedeutung eines solchen Abends zu konkreter politischer Handlung anregen, wie dies viele Künstler glauben, wäre zu bezweifeln.

Vielleicht wirken Literatur oder Musik jedoch als künstlerische Katalysatoren. Vielleicht lassen Künste eine Besinnung auf das Gute an sich zu und sind damit letztlich doch politisch oder wenigstens charakterbildend? Die „erasmischen“ Qualitäten der gehörten Werke und ihrer Interpreten zumindest lassen mich auch in der Gesellschaft auf „erasmische“ Harmonie hoffen.

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