Weil am Rhein - „Corners of(f) Society“ werden in der neuen Ausstellung in der Colab Gallery in Weil am Rhein ausgeleuchtet. Die Galerie im Outlet Center ist seit Jahren ein Ort urbaner Street Art, an dem Energie, Leidenschaft und Risikobereitschaft brodeln. Wer hier ausstellt, verbirgt sich oft genug hinter einem Pseudonym, von denen aber viele in der Szene zu echten Mythen geworden sind.

Dynamische Mischung von Daniel Künzler

Kurator Daniel Künzler hat mit der Auswahl der sieben Teams oder Einzelkünstler eine dynamische Mischung getroffen. Selbst als Street Art-Künstler aktiv und demnächst in einer Gruppenausstellung der Art Basel Miami in Florida präsent, kennt er die internationale Szene und ist auch mit einigen der jetzt in Weil vertretenen Künstler befreundet. „Es ist der Durst und Hunger nach dem wahren freien Leben“, meint Künzler auf die Frage, was die so unterschiedlich auftretenden Akteure in der Ausstellung und ihre Arbeiten eint.

Auf Güterzügen die Länder durchqueren, auf Schiffen und Lastwagen die Welt in ihren entlegensten Ecken erkunden, immer die Gefahr mit im kleinen Gepäck, meist in einer halblegalen Grauzone oder ganz außerhalb der Gesetze, wie zum Beispiel die beiden Fotografen Vitaly Raskalov aus Sibirien und Vadim Makhorov aus Kiew. Sie klettern auf Hochhäuser in Hongkong, Riesenkräne am neuen World Trade Center, auf die Christusstatue, die über Rio de Janeiro wacht oder auf die größte Antenne der Welt und bringen von dort Fotos und Videos mit, die akute Schwindelgefühle verursachen und gleichzeitig eine unbekannte wilde Sehnsucht nach Grenzüberschreitungen wecken.

Wilde Sehnsucht nach Grenzüberschreitungen

Die Faszination des anonymen Mitreisens auf Güterzügen teilen sich gleich drei Aussteller: „Relfy“ aus Kanada träumt von den legendären Güterzügen der Pacific Railway Company, von denen seine sensiblen und detailreichen Gemälde ebenso berichten wie das kraftvolle Graffito, mit dem er die Stirnwand des Ausstellungskabinetts gestaltet hat.

Swampy aus den USA berichtet mit Fotos und Collagen von seinen Ritten auf dem Güterzug und den Orten seiner Schlaf- und Rastplätze und lässt seine Erfahrungen in piktogramm-artigen Kohlezeichnungen kondensieren: „Criminal Energy“ zeigt ein aufgeflextes Sicherheitsschloss, die klauenartige „Dark Hand, that guides me“ hat eine Menschenhand im Klammergriff, die eine Sprühdose hält.

Auch für die Road Dogs, eine französisch-russisch-amerikanische Künstlergruppe ist das Reisen auf dem Güterzug, auf dem Frachtschiff oder per Anhalter der Inbegriff von Freiheit und Abenteuer, an dem sie mit einer berührenden Installation den Betrachter teilhaben lassen. Verwaschene Polaroid-Fotos direkt vom Güterzug auf einem altarähnlichen Tableau, ein Steinhaufen aus Bahnschotter und eine rustikal zusammengeschneiderte Jacke aus Güterzugplane berichten von einem wilden und definitiv komfortfreien Leben, in dem auch zarte Emotionen Platz haben.

Auf den ersten Blick dekorativ, auf den zweiten schockierend ist die Serie des neapolitanischen Tandems „Cyop & KAF“. Die 25 Bilder im gleichen Format mit der gleichen subtilen zeichnerischen Formensprache zeigen menschliche Gestalten oder Körperteile unter den verschiedensten Formen von Zwang und Gewalt, teils selbst generiert, teils von außen erleidend.

Das spanische Team Luce & Eltono schafft mit gewinkelten „Periskopen“ Durchblicke durch oder über Mauern und andere Hindernisse. Der Kunstgriff: Ein schräg gestellter Spiegel an der Knickstelle. Auch hier wird man durch Fotografien und Videos Zeuge eines ungewöhnlichen Auslebens von Neugier auf Unbekanntes, wobei auch humoristische Impulse aufflackern.

Unbändige Lust an der Kunst des Sprühens

Die unbändige Lust an der Kunst des Sprühens vermitteln die beiden Kabinette der Brasilianer Bruno Rodrigues & Fabio Vieira. An den Wänden laufen Farbnasen herab, das wilde Zickzack in der Formensprache der Tags vermittelt eine geradezu aggressive Lust, Fesseln zu sprengen. Die Fotos zeigen die beiden in Aktion mit zum Teil abenteuerlichen Kletterkonstruktionen, von denen eine auch als Installation mitten im Raum prangt.

Die in der Ausstellung gezeigte Kunst verdeutlicht auf eindrucksvolle und berührende Art das Motto „je mehr man sucht, desto mehr findet man“. „Hier kann man nacherleben, was Orte mit einem machen können“, meint Kurator Künzler. Um das zu erkunden, muss man neugierig und in Bewegung bleiben, und man darf den Verlust von gewohntem Komfort nicht scheuen. Es gehe auch um das „Löschen der üblichen Beweggründe, um von A nach B zu gelangen….Ohne Perspektive und Intention gibt es nichts mehr zu entdecken“, sagt Künzler.

  •  „Corners of(f) Society“, Colab Galerie, Schusterinsel 9, Weil am Rhein; bis April 2019, Di-Sa, 12 bis 18 Uhr; www.colab-gallery.com