Basel In jeder Ecke ist Kunst

Jürgen Scharf
„Bells“ (Glocken) an der Decke in der Kunsthalle Basel von Judith Kakon, die mit weiteren Installationen auch im Kunst Raum Riehen vertreten ist.                                                                                        Foto: Jürgen Scharf

Von Jürgen Scharf

Basel/Riehen. Der große Saal im Obergeschoss der Basler Kunsthalle scheint für einen Ball gerüstet: Von der Decke hängen, riesigen Lüstern vergleichbar, große Glocken, an den Wänden Malereien, im Raum verteilt Objekte, Klangkörper, ein Flügel und andere Instrumente, installativ angedacht und wie zu einem Orchester zusammengestellt. Der Boden bleibt als Tanzfläche frei.

Das ist jetzt keine Beschreibung eines Festes der einstigen Basler Künstlergesellschaft, sondern die aktuelle „Regionale 23“, für die sich die Kunsthalle in eine Bühne und einen Ballsaal verwandelt hat. Aber das hat ja Tradition, wie man auf einem alten Archivfoto von 1895 sieht, wo der Oberlichtsaal ausgeschmückt war mit Kulissen, Bäumchen und Brauereibierbänken wie bei einem Dorffest. Denn neben Ausstellungen wurden bei der damaligen Basler Künstlergesellschaft immer schon die Geselligkeit mit Weihnachtsessen gepflegt und legendäre Kostümfeste gefeiert.

An Dreikönig fand im oben beschriebenen Interieur wieder mal ein Kostümball – Kostümierung obligatorisch – mit Performance und Musikprogramm von Künstlern der Regionale statt. Und im Anschluss an die Kuratorenführungen gibt es jeweils einen öffentlichen Stammtisch im Restaurant Kunsthalle mit teilnehmenden Künstlern und Juroren.

Auch bei Museumsnacht

Auch bei der Museumsnacht am 20. Januar wird es ein spezielles Programm rund um die aktuellen Ausstellungen mit Performances geben. Kurz vor Ende der Ausstellung wird der Saal noch einmal richtig zum Klingen und Funkeln gebracht.

Aber auch so, wenn man unter der Woche und nicht zum Stammtischgespräch mit den Künstlern kommt, fällt einem das Festliche des Basler Regionale-Beitrags auf. Das hat einen Grund: Das Haus besteht seit 150 Jahren. Die Kunsthalle feiert Geburtstag. Deswegen hat ein Kuratoren-Team die Idee einer Geburtstagsinszenierung mit über 50 Kunstschaffenden umgesetzt. Ihre Arbeiten verteilen sich nicht nur durchs ganze Haus, sondern, ähnlich wie die Gäste eines Festes mal in den Garten oder die Bar ausschwärmen, vom Foyer über die Treppen in den Saal, weiter in die Bibliothek, das Stadtkino, das Restaurant Kunsthalle und die Campari-Bar.

Das mutet wie eine einzige Feier-Choreografie an und ist so heterogen und inhaltlich so verschieden, wie man sich das bloß denken kann. Im zweiten Raum des Obergeschosses kann man auf zwei großen Monitoren Tanzproben (Raffaela Boss) verfolgen und steht etwas irritiert vor einer von nassen Socken aktivierten Tropfskulptur von R. Sebastian Schachinger. Sogar bis auf die Toiletten soll sich die Kunst fortsetzen (was wir aber nicht überprüft haben).

Unter den von der Decke herabhängenden Papierglocken von Judith Kakon kann man im Geiste weitertanzen bis nach Riehen in den dortigen Kunst Raum, wo von derselben Künstlerin im Gartensaal ebenfalls Arbeiten dieser Werkgruppe „Ever Given“ hängen. Nur sind es in Riehen keine Glocken, sondern überdimensionale, raumgreifende exotische Früchte, die plastisch ins Auge stechen: Ananas, Grapefruit, Zitrone, in klassischer Wabentechnik aus lamellenartig geschnittenen farbigen Papieren angefertigt.

Im Kunst Raum Riehen

Die voluminösen Papierkörper erinnern nicht nur an Dekorationsartikel, sondern auch wieder an Festlampions. Fast schon barock in den Dimensionen, ist dieser Paradiesgarten aber auch ein kritischer Hinweis auf den globalisierten Handel.

Die Riehener Schau mit dem Titel „Deep Moments“, kuratiert von Kiki Seiler-Michalitsi, ist sehr konzentriert, intensiv und abwechslungsreich gestaltet. Angefangen von der zweiteiligen Backstein-Kathedrale von Axel Gouala, der dafür völlig zurecht den Riehener Kunstpreis erhalten hat (wir berichteten), über die historischen Fotocollagen von Ruben Gray und die monumentalen Kettenmotive von Anna Diehl bis zu den originellen Bodenarbeiten mit glasierten Keramikobjekten von Sara Gassmann.

Im Dachgeschoss trifft man noch einmal auf Judith Kakon mit ihren im Raum verteilten ausziehbaren, liegenden, angelehnten weißen Treppenobjekten: eine Installation aus Ready-mades auf dem Boden, am Geländer und an den Wänden. Hier in Riehen eine Sammelschau, in Basel mehr ein Sammelsurium – aber beides interessant und sehenswert.  Regionale Kunst Raum Riehen bis 20. Januar, Kunsthalle Basel bis 22. Januar

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