Lörrach Initiativabsage und Verstellungsgespräch

„Ich fasse mal die konstruktiven Ideen der Kolleginnen und Kollegen zusammen“: Hans Gerzlich im Burghof. Foto: Veronika Zettler

Lörrach - Es ist bekannt: In deutschen Büros hat sich ein kurioser Sprech etabliert. Immer neue Wendungen kommen in Mode und werden zu omnipräsenten Floskeln, vor denen es kein Entrinnen gibt. Wenn diese Mischung aus Anglizismen, Management-Blabla und Phrasendrescherei mal einer mit dem kabarettistischen Seziermesser auseinandernimmt, muss es lustig werden. Und bei Hans Gerzlich wird’s richtig lustig. In der Rolle des Bürohengsts am Rande des Wahnsinns versetzte der Wirtschaftskabarettist seine Zuschauer am Donnerstag im Burghof in Managementetagen, Buchhaltungen und Kantinen. Im Publikum wurden Tränen gelacht.

Statt einer Krawatte trägt Gerzlich, der im realen Leben selbst zwei Jahre lang im Marketing-Controlling arbeitete, einen Strick um den Hals. Klarer Fall: Der Mann ist zu Führungsaufgaben in einem Unternehmen verurteilt, in dem jeder jeden hasst. Doch der Büroalltag zwischen sinnlosen Meetings und aufgeblasenen Präsentationen, freilich alles ganz nachhaltig und ganzheitlich, liegt ihm zunehmend schwer im Magen: Vor allem neue Redewendungen stoßen dem sprachlichen Präzisionsarbeiter Gerzlich sauer auf. Von „Ich bin da ganz bei Ihnen“ bis hin zu „Ich setz Dich mal ins CC“.

Aufhänger seiner Suada über Kollegen, Chefs und das Leben an sich ist der Satz „Das find’ ich ein Stück weit interessant“. Da läuft das Fass nun wirklich über.

„Bodenhaltung, Käfighaltung, Buchhaltung“ –­ die Steigerungsform liegt für Gerzlich auf der Hand. Zu den „Low Performern“ zählt sich der Schreibtischtäter allerdings selbst. Sein nächstes Vorstellungsgespräch soll denn auch kein Verstellungsgespräch werden: Er will sich als „arbeitsscheu, rechthaberisch und absolut unkollegial“ outen und nicht verschweigen, zum Ende des Studiums von den meisten Firmen „Initiativabsagen“ bekommen zu haben. Frage man ihn, wo er in fünf Jahren stehen möchte, werde er wahrheitsgemäß antworten: „Auf den Bahamas“. Und kein Geheimnis daraus machen, dass er da am liebsten jetzt schon wäre.

Die Skurrilitäten überschlagen sich, als ein neuer Kollege seinen Einstand in der „Vinothek Ars Vivendi“ feiert. Die habe vor kurzem noch „Weinhaus Oppermann“ geheißen, was Gerzlich schon genug Grund zum Ärgern liefert. Aber es kommt schlimmer: Die Weinkenner-Kollegen fordern den überzeugte Pilstrinker auf, „den Wein zu kauen“ und Aromen wie Paprika zu entdecken. Logisch: Später tauscht er die 50-Euro-Flasche Roten gegen eine Dose Hansapils.

Routiniert nimmt der 52-jährige Gelsenkirchener die Gags seiner Erzählung zum Anlass, um mal dies, mal jenes in der Luft zu zerreißen: Datensammelwut, Wirtschaftswachstumsgläubigkeit, Börsenkurse, Handytarife. War früher alles besser? Zumindest die Kindererziehung sei heute, wo man alles erklären müsse, zeitaufwendiger. Früher war man schnell fertig: „Patsch, eins hinter die Löffel“. Da blieb noch Zeit für eine gesunde Einstellung zum Job, wie sie in der DDR vorgeherrscht habe: „Meine Haare wachsen auch während der Arbeitszeit, also gehe ich während der Arbeitszeit zum Friseur“.

Ebenfalls nett: Zur Abwechslung fordert ein Kabarettist die Zuhörer mal auf, das Handy anzulassen: „Wenn Sie um Viertel nach acht noch jemand anruft, dann wird’s wohl wichtig sein“, meint Gerzlich. Und die Technik habe ja auch ihre guten Seiten: Seit Erfindung des Smartphones seien die Scheidungsraten deutlich zurückgegangen.

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