Basel Jedes Paar ein unergründliches Rätsel

Begeisterten die Zuhörer bei den „Wintergästen“ (von links): die Schauspieler Urs Bihler, Mario Fuchs, Marie Jung und Doris Wolters. Foto: Adrian Steineck Foto: Die Oberbadische

Von Adrian Steineck

Riehen. „Glücklich die Glücklichen“ heißt der Roman von Yasmina Reza, aus dem bei der Auftaktveranstaltung der Reihe „Wintergäste“ gelesen wurde. Bei den meisterhaft vorgetragenen Skizzen aus dem Buch der französischen Schriftstellerin mit jüdischen und iranischen Wurzeln wurde den Zuhörern in der voll besetzten Reithalle Wenkenhof in Riehen verdeutlicht, was das für die Protagonisten des Romans ebenfalls heißen könnte: Glücklich, das sind die Anderen.

Dem gut situierten Pariser Ehepaar Robert und Odile fehlt es augenscheinlich an nichts. Doch beim Wochenendeinkauf kommt es zum Streit, als Odile die „falsche“ Schokolade für ihre beiden Kinder kauft und ihr Ehemann im Gegenzug nicht zum gewohnten Schweizer Käse greift.

Yasmina Reza versteht es in ihrem im Jahr 2013 erschienenen Roman „Glücklich die Glücklichen“, innerhalb weniger Sätze „die Eskalation zu perfektionieren“, wie der „Spiegel“ anlässlich der Veröffentlichung schrieb. Da wird aus einem Flüstern rasch ein Schreien, da greift der zunächst so treusorgende Ehemann zu etwas mehr als sanfter Gewalt, und innerhalb kurzer Zeit fliegt der teure Käse durch den Supermarkt.

Brillant lesen Marie Jung und Mario Fuchs die Rollen des streitenden Ehepaares, bei dem in dieser nur vordergründig banalen Situation Gegensätze aufbrechen und Lebenslügen zutage treten. Mit viel Gespür für Timing und feinste Nuancen in der Stimme schlüpfen die beiden ausgebildeten Schauspieler regelrecht in ihre Charaktere.

Während bei dieser ersten Szene aus dem Roman noch viel Heiterkeit herrschte, als etwa der Ehemann seiner Frau beschied, ihr Einkaufswagen sei „absurd“, blieb den Zuhörern im weiteren Verlauf des Geschehens das Lachen mitunter im Halse stecken. Denn Odile wird sich schon bald einen Liebhaber nehmen, den sie dann ihrerseits betrügt.

Zwei Paare, vier Perspektiven

Die Erlebnisse des ungleichen Paares werden zunächst aus seiner, später aus ihrer Perspektive geschildert. Dabei geht die Autorin aber bei allen Ereignissen und trotz der zum Teil extremen Gefühle und Ansichten mit all ihren Protagonisten freundlich um.

Das gilt auch für den von seiner Ehefrau verlassenen Darius. Dieser lamentiert gegenüber seinem 25 Jahre älteren Freund Ernest über die Verflossene, die er selbst „Tag und Nacht“ betrogen hat: „Anita ist mein Zuhause, und nur weil man ab und zu Lust auf frische Luft hat, hat man doch auch Lust, nach Hause zu kommen.“ Ernest selbst ist mit Jeannette verheiratet, die beiden sind die Eltern des Ehepaars aus der Eingangsszene im Supermarkt. Auch diese beiden haben mit ihren Gegensätzen zu kämpfen, zumal der 73-jährige Ernest, der an Krebs leidet, sich unentwegt über seine Einäscherung Gedanken macht. Jeannette wiederum muss sich von ihrer Schwiegertochter sagen lassen: „Du ziehst dich nicht an, du bedeckst dich mit Textilien.“

Dieses zweite Paar wird von Urs Bihler und Doris Wolters gelesen. Langjähriger Bühnendarsteller unter anderem am Theater Basel der eine, Schauspielerin und Sprecherin von Hörbüchern sowie für Sendungen des SWR und des Kultursenders Arte die andere, fügen sich beide virtuos in ihre Rollen. Wenn Bihler als Ernest grantelt, er wolle wie einst sein Großvater in die „Straße des verheirateten Mannes“ ziehen und damit die „Rue de Martyrs“ (Märtyrerstraße) in Paris meint, dann wird für die Zuhörer spürbar, das hier einer seine Verletzlichkeit hinter Grobheit verbirgt.

Am Ende der 90-minütigen Lesung stimmten viele der knapp 200 Zuhörer wohl innerlich dem Fazit des lebensüberdrüssigen Ernest zu: „Jedes Paar ist ein unergründliches Rätsel, das man auch dann nicht restlos versteht, wenn man selbst ein Teil davon ist.“ Minutenlangen Applaus gab es für die Leistung der vier Vorleser ebenso wie für Marion Schmidt-Kumke, die für die Dramaturgie und Umsetzung der „Wintergäste“-Reihe verantwortlich zeichnet.  Die nächsten „Wintergäste“ sind am Sonntag, 19. Januar, 11.15 Uhr, im Dreiländermuseum in Lörrach, und ab 16.30 Uhr im Ackermannshof in Basel. Gelesen wird aus Irmgard Keuns Roman „Das kunstseidene Mädchen“.

Aufgeregte Zeiten erfordern seriöse und umfassende Informationen und deren Einordnung! Jetzt HIER anfordern.

  • Bewertung
    2

Umfrage

npwi_wb_arbeitsplatz_161113.jpg

Die Diskussion um ein Ausstiegsszenario aus dem Lockdown wird immer lauter. Insbesondere die Wirtschaft will bald wieder zur Normalität zurückkehren. Rechnen Sie mit mit einer baldigen Besserung der wirtschaftlichen Lage nach der Pandemie?

Ergebnis anzeigen
loading