Von Jürgen Scharf Riehen. Kaiserin Sissi hatte sie, sibirische Verbrecher haben sie: Tätowierungen. Auf vielen reich verzierten Männerbrüsten, Schultern, Armen, Beinen und Hintern finden sich Adler, Schlangen, Pumas, Schildkröten und andere Zeichen. Die Sittengeschichte der „Gezeichneten Körper“, der Kainszeichen auf der Haut, hat sich die im 26. Jahr wieder aufgelegte Reihe der „Wintergäste“ zur Brust genommen.

Ja, Sie haben richtig gelesen, Kaiserin Sissi war das erste an der Schulter tätowierte Staatsoberhaupt Europas, wie man aus einem Gedicht von ihr selber erfährt. Tattoos sind also nicht erst seit den Zeiten der Schönheitschirurgie in Mode. Die szenische Lesung „Der illustrierte Mensch“ (Konzeption und Realisation: Niggi Ullrich) in der Riehener Fondation Beyeler nahm zum Start der Literaturbox, die an neuen Orten und Schauplätzen stattfindet, die speziellen Hautwahrnehmungen und Wundmale in den Fokus.

„Wenn die Haut spricht…“ (so der Titel der Erinnerungen des Russen Nicolai Lilin), erzählt sie spannende und mysteriöse Geschichten über Schmerz und Mythen. Ein russischer Tätowiermeister ist wie ein Priester, nimmt eine Sonderstellung ein, handelt im Namen des Tätowierten. Wie liest man Tätowierungen? Ihr Geheimnis liegt in den Details der Motive. Und so hört man in dieser Beschreibung aus dem literarischen Sammelband „Das Herz auf der Haut“, aus dem die Texte der Lesung stammten, viel über Tätowiertechnik, Tätowiernadeln, den Beruf des Tätowierers, wie man eine Zeichnung auf die Haut überträgt oder alte, verblasste Tätowierungen auffrischt, über künstlerische Entwürfe auf der geritzten Haut, misslungene Darstellungen und kodifizierte Bedeutungen. Auch über den Bezug zur sibirischen Verbrechertradition, die kriminelle Symbolik und die Kultur des Tätowierens informierte der Text, der eigentlich schon alles über diesen zur Schau getragenen Körperkult sagt.

Aber auch die anderen Beiträge, die Desirée Meiser, Ursula Maria Schmitz und Hans-Jürg Müller mal allein, mal gemeinsam oder dialogisch gelesen haben, waren interessant. Gott trägt keine Kleider, erfuhr man beispielsweise in der Geschichte „Geographie der Lust“ von Jürg Federspiel. Darin ging es um Kainszeichen, einem Mal auf der Stirn.

In der ironischen Geschichte „Westcottes Glanz und Ende“ von Wolfgang Hildesheimer bringt die Pianistin Hedwig mit dem schönen Rücken – eine zur prächtigen Blüte erwachte Mauerblume – den Tattoo-Künstler mit Gift im Darjeeling um: eine Tätowierung mit Todesfolge.

„Ein Finne auf Hawaii“ von Alex Capus erzählt von einer nach Tattoos total verrückten jungen Frau. Was auch zu den sexuellen Motiven des Tätowierens führt. Zwischenrufe über diese Zeichen einer Subkultur in der Art einiger Zitate von Claude Lévi-Strauss („Traurige Tropen“) bis zu Adolf Loos („Ornament und Verbrechen“) lockerten das Literatur-Special auf.

Zu diesem Kunstort, in die Umgebung der riesigen „United Enemies“-Plastiken von Thomas Schütte, passt auch gut Musik. Man muss nur den richtigen Transfer finden. Dem Fagottisten Christian Rabe, der improvisierend durch den Raum wandelt, gelingt es, mit schmerzhaften Spaltklängen oder einem didgeridoo-ähnlichen Sound die Texte musikalisch pointiert zu kommentieren. u  Wintergäste 2014: „Der illustrierte Mensch“, Wiederholung heute, Samstag, 18.15 Uhr, Fondation Beyeler, Riehen. Charlotte Kerner: „Blueprint – Blaupause“, 19. Januar. 11 Uhr, Werkraum Schöpflin, Lörrach.