Basel - Nach der Lehre direkt in die Selbstständigkeit? Tanja Oehl hat es so gemacht. In ihrem Schneideratelier in der Basler City beschäftigt sie mittlerweile zwei Angestellte.

„Sind Sie nicht die Frau Oehl?“ Gelegentlich kommt es vor, dass Tanja Oehl in der Stadt angesprochen wird. Nachdem ihr die Basler Unternehmervereinigung „Gruppe 23“ im Sommer den „Prix Bâlence“ verlieh und verschiedene Medien über die Auszeichnung berichteten, ist der Bekanntheitsgrad der 24-Jährigen enorm gestiegen.

Seit fünf Jahren ist Tanja Oehl ihre eigene Chefin. Dabei war der nahtlose Übergang von der Ausbildung in die Selbstständigkeit nicht geplant. Zwar schneidert die Baslerin, seit sie im Alter von zehn Jahren eine Nähmaschine geschenkt bekam. Und schon als Schülerin machte sie ihr Hobby zum Nebenjob und verdiente mit selbstgenähten Hundebettchen und -taschen ein Sackgeld. Den Ausschlag gab aber, dass sie sich in ein leerstehendes Atelier in einem Jugendstilgebäude in Laufen verguckte. „Dann soll es eben so sein“, entschied die damals 18-Jährige, verwarf die geplante Laufbahn als Handarbeitslehrerin und eröffnete ihre eigene Schneiderei.

„Dieser Beruf ist Leidenschaft“

Bereut hat sie ihren Wagemut nicht. Obwohl es „immer mal wieder ein Kampf ist“, wie sie einräumt. Um den Anlauf finanzieren zu können, arbeitete sie anfangs fünf Tage pro Woche in einem Stoffladen. Die Schneiderarbeiten erledigte sie in der Zeit, die übrig blieb. Auch heute, im fünften Jahr der Selbstständigkeit, ist eine 40-Stunden-Woche nicht drin. Doch das bekümmert die Kleidermacherin wenig: „Dieser Beruf ist Leidenschaft“, erklärt sie.

Inzwischen hat sie sich einen stattlichen Kundenstamm aufgebaut und ist in ein 86 Quadratmeter großes Atelier nach Basel umgezogen. Zentral gelegen in der Elisabethenstraße 15 fällt „Couture Stilvoll“, so der Name des Ladens, auch Passanten ins Auge. Zugute komme ihr außerdem, dass „Neuanfertigungen auch bei den Jüngeren wieder gefragt sind“.

Das Schönste? „Wenn die Kundin mit dem neuen Kleidungsstück glücklich hier raus geht“, sagt sie. Freude macht ihr auch, wenn sie an der Fasnacht Cliquen und Guggen in den von ihr genähten Kostümen durch die Straßen ziehen sieht.

260 Narrenkostüme jährlich

Die Arbeit für die Fasnächtler ist für die Jungunternehmerin ein wichtiges Standbein. Mittlerweile näht sie mit ihren zwei angestellten Schneiderinnen 260 Narrenkostüme jährlich – wobei aufwendige Exemplare wie die prächtigen Gewandungen für Tambourmajore oder für die Besatzung der „Chaisen“ (Fasnachtskutschen) schon mal 15 Arbeitsstunden beanspruchen können.

Fasnachtskostüme seien ohnehin nicht zu unterschätzen, allein schon wegen der Schnittherstellung. Schließlich wollen Menschen mit unterschiedlichen Größen und Proportionen in einem einheitlichen Look paradieren. Cliquen mit entsprechendem Budget beauftragen zudem einen Künstler, der die Kostüme fantasiereich entwirft und zeichnet. Mit dem setzt sich Tanja Oehl später zusammen, um zu besprechen, was umsetzbar ist und was nicht.

Kunstvoll-komplizierte Jobs, die das ganze handwerkliche Können des Schneiderberufs fordern, sind allerdings genau ihr Ding. Wie das Abendkleid, das komplett von Hand in Guipure-Spitze gefertigt wurde: „Eine sehr aufwendige, sehr schöne Arbeit“, so Tanja Oehl.

Neben Neuanfertigungen füllen viele kleinere Aufträge die Bücher: Hosen kürzen, Knöpfe annähen, Vorhänge anpassen. Häufig möchte jemand ein neu erworbenes Kleidungsstück ändern oder aufpeppen lassen. Und immer öfter erscheinen Kunden, weil sie im Schaufenster ein Modell von Tanja Oehls eigenem Modelabel entdeckt haben: Ein Kleid, ein Rock oder ein Blazer mit klassischer Linienführung, aber mit besonderen Details, eben dem gewissen Etwas. Der Name „Couture Stilvoll“, den Tanja Oehl ihrer Modelinie gegeben hat, passt dazu: „Es sollte nicht zu abgehoben klingen“, sagt sie. „Couture Stilvoll, fand ich, tönt schön“.