Basel Musik machen in Zeiten von Corona

Ivor Bolton, Chefdirigent des Sinfonieorchesters Basel, findet klare Worte. Foto: Matthias Willi

Basel - Der Engländer Ivor Bolton ist nicht nur der Chefdirigent des Sinfonieorchesters Basel und Musikdirektor des Teatro Real in Madrid. Er ist auch Ehrendirigent auf Lebenszeit des Mozarteum-Orchesters in Salzburg. Aus Spaniens Hauptstadt Madrid, wo er gerade eine erfolgreiche „Rusalka“-Neuproduktion leitet, äußert er in einem persönlichen Statement seine Gedanken über Musik und das Musikmachen in Zeiten einer weltweiten Pandemie:

„Den Sommer über verbrachte ich in Salzburg, wo ich seit mehr als 20 Jahren jedes Jahr Konzerte während der Salzburger Festspiele dirigiere. Auch dieses Jahr fand das Festival dank der enormen Anstrengungen der Festivalleitung statt. Zwar unter außergewöhnlichen Bedingungen, mit reduziertem Publikum und ausgeklügelten Sicherheitskonzepten, aber es fand statt.

Direkt im Anschluss an die Festspiele fuhr ich nach Basel, meiner musikalischen Heimat, wo ich sechs Wochen einer sehr intensiven Arbeit mit unserem wunderbaren Sinfonieorchester Basel verbringen konnte. In dieser Zeit haben wir Werke von Benjamin Britten aufgenommen, und wir feierten die Wiedereröffnung des spektakulär renovierten Stadtcasino Basel. In diese Zeit fielen alleine vier Uraufführungen von neuen Werken. (...)

Ich war sehr beeindruckt von der Disziplin unseres Orchesters, was das Thema Social Distancing betrifft und überhaupt vom Sicherheitskonzept des Sinfonieorchesters Basel. Trotz aller Einschränkungen konnte ich die Freiheit und entspannte Atmosphäre in der Schweiz genießen, wobei ich mich doch über die fast gänzliche Abwesenheit von Gesichtsmasken im öffentlichen Raum gewundert habe. Der kürzliche Ausbruch an Infektionszahlen schien mir beinahe absehbar zu sein.

Danach war ich wieder in Madrid, wo ich als Musikdirektor am Teatro Real wirke. Spanien ist eines der am stärksten von Covid betroffenen Länder, dabei haben sie eine der im öffentlichen Raum vorsichtigsten und diszipliniertesten Bevölkerungen. Spanien ist zugleich auch das Land mit der einzigen international tätigen Oper, die weiterhin volle Bühnenproduktionen präsentiert. Gespielt wird mit einer reduzierten Platzkapazität zwischen 50 und 75 Prozent. Wie ist das möglich? Zunächst ist da ein sehr entschlossenes Management, das sich weigerte, das Haus zu schließen.

Die gesamte Leitung war unermüdlich in ihrer Lobbyarbeit. Dabei haben sie beeindruckend demonstriert, dass Spielstätten der klassischen Musik kein Übertragungsort für das gefährliche Virus sind und sein müssen, wenn sie intelligent betrieben werden. Die spanische Regierung und auch die Regierung der Stadt Madrid haben uns dabei immer voll unterstützt. Das Sicherheitskonzept des Teatro Real besteht aus einer zweimal wöchentlichen Testung aller Künstlerinnen und Künstler, dem Temperatur-Messen aller Künstler und des Publikums sowie regulierter Eingangs- und Ausgangsbereiche für das Publikum.

Dieser ganze Prozess war zweifellos emotional erschöpfend, dennoch ist es berauschend zu sehen, mit welcher großen Freude das Publikum unsere Vorstellungen genießt. Nicht nur in Madrid, in ganz Europa haben wir Trost und Optimismus in diesen schwierigen Zeiten gerade bitter nötig.

Wenn ich nun nach Basel blicke, sehe ich einen ähnlichen Einfallsreichtum bei unserem Orchester und dem Management. Franziskus Theurillat und Hans-Georg Hofmann mussten unsere geplanten Konzerte mit einer groß besetzten „Schöpfung“ von Haydn wegen der neuen Covid-Maßnahmen absagen. Sie haben sie mit einem genialen Programm von 20 Kurzkonzerten innerhalb von zwei Tagen ersetzt. Dies zeigt die Virtuosität und Vielfältigkeit unseres Orchesters, das zugleich auch ein Orchester mit brillanten Solisten ist.

Die unglaublich positiven Reaktionen und die große Freude, die diese Konzerte dem Publikum brachten, ist mehrfach dokumentiert. Dennoch gibt es einen Wermutstropfen: Wegen neuer drakonischer Maßnahmen der Regierung sind nur 15 Menschen in Veranstaltungen erlaubt. In Basel ist dies gerade einmal ein Prozent der gesamten Saalkapazität. Es erstaunt mich und Freunde in anderen Ländern, dass die klassische Musik diesen harten Regeln unterworfen wird, während man gleichzeitig in anderen Bereichen des öffentlichen Lebens keine Achtung des Social Distancing beobachten kann.

Der Erfolg in Madrid ist nicht zuletzt auch ein Ergebnis einer Allianz vieler Beteiligten, am gemeinsamen Strang zu ziehen: der Musiker, des Managements und der Politik. In Basel sind die beiden Ersteren gut dabei. Was wir nun dringend benötigen, ist die Hilfe und Unterstützung der politischen Führung. Bitte erlauben Sie uns, unserer Arbeit nachzugehen, für die Baslerinnen und Basler! Klassische Musiker erwarten keine Sonderbehandlung. Wir wünschen uns aber Gleichbehandlung. In den Worten des großen Dirigenten Nikolaus Harnoncourt: Kunst ist kein hübsches Accessoire. Sie ist die Nabelschnur, die uns mit dem Göttlichen verbindet. Sie garantiert unser Menschsein.“

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