Sprache und Tradition soll verbinden, kann aber auch trennen oder zu deutlicher Kritik führen, wie es im Elsass seit Jahren der Fall ist. Während im politischen Paris die Forderung nach einer Verankerung des Dialektunterrichts im Lehrplan verhallt, steigt der Unmut seitens der Befürworter in der Grenzregion zu Deutschland.

Von Michael Werndorff

Regio. Die im Elsass verbreiteten alemannische Mundarten werden unter anderem in Baden, der Deutschschweiz, in Lichtenstein­, Vorarlberg und in einige Gemeinden in Norditalien gesprochen. „Wir haben eine internationale Sprache“, betont Henri Scherb, Präsident des Vereins „Heimetsproch un Tradition“, der sich für die Förderung der Mundart und mehr Zweisprachigkeit in allen Schulformen und Altersklassen einsetzt. Mit ihm sind im Herbst auch weitere Interessengruppen wie die „Association Culture & Bilinguisme“, ABCM-Zweisprachigkeit oder die AJFE, die „Junge fers Elsässische“ auf die Straße gegangen, um in Straßburg ihrem Anliegen Nachdruck zu verleihen.

Wir verfolgen ein gemeinsames Ziel

„Wir sind vernetzt und verfolgen ein gemeinsames Ziel, aber die Verantwortlichen in Paris ignorieren uns bereits seit Jahren mit der Ausrede, es mangele an geeigneten Lehrern“, betont der Deutschlehrer im Ruhestand.

Nach dem Zweiten Weltkrieg fiel das Elsass zurück an Frankreich, und die Regierung stellte das Reden in Mundart unter Strafe. „Schüler bekamen den Rohrstock zu spüren, wenn sie sich in der Sprache ihrer Eltern unterhielten“, sieht Scherb die Bildungspolitik seit 1945 durchweg nationalistisch ausgerichtet. Dabei biete Mehrsprachigkeit – auch das Beherrschen eines identitätsstiftenden Dialekts – nur Vorteile, betont der Ruheständler. Er sieht einen tiefen Riss zwischen dem politischen Paris und dem Traditionsbewusstsein der Elsässer.

Doch nicht nur die Menschen im Grenzgebiet zu Deutschland und der Schweiz seien von den Auswirkungen der Bildungspolitik betroffen, Gleiches gelte für Basken, Bretonen, Korsen, Katalanen und Flamen. „Es ist eine Art Totalitarismus, unter dem Regionalsprachen und -Kulturen leiden“, sieht Scherb Handlungsbedarf. Anders als Deutschland hat Frankreich nämlich nicht die europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen unterschrieben, lediglich ein Gesetz aus dem Jahr 1953 leitete eine Abkehr von der restriktiven Sprachenpolitik ein, ohne eine Förderung der Regionalsprachen festzuschreiben.

Ein Gesetz zum Schutz der Regionalsprachen

„Deswegen muss es ein Gesetz geben, dass den Regionalsprachen einen echten Status verleiht“, betonte auch Jean-Marie Woehrling, Präsident der „Association Culture & Bilinguisme“ im Rahmen der jüngsten Demonstration, wie die französische Tageszeitung „Dernières Nouvelles d’Alsace“ berichtete.

Laut Elsässischem Sprachamt (Office pour la Langue et la Culture d’Alsace – Olca) spricht nur noch ein Drittel der Elsässer Dialekt –­ überwiegend im ländlichen Raum. Die Zahl könnte angesichts der Aktivitäten von AJFE wieder steigen. „Denn solange es Menschen gibt, die an die Zukunft der Heimatsprache glauben, ist nichts verloren“, ist sich Scherb sicher. Der Verein trifft sich jeden Monat, um in geselliger Runde die Sprache zu pflegen, zudem bietet er in Zusammenarbeit mit dem Olca einen Mundartkurs an.

Für die Erhaltung des Dialekts gebe es mittlerweile einen breiten Konsens, blickt Scherb optimistisch in die Zukunft.