Basel Nächte voller Seligkeit

Binningen - Ein Abend mit einer Hitparade der Goldenen UFA-Tonfilmschlager der 30er Jahre, ein anderer mit Ohrwürmern des Belcanto und der russischen Starsopranistin Olga Peretyatko unter freiem Himmel: Die neue „Location“ des Stimmenfestivals vor dem Binninger Schloss mit dem Basler Sinfonieorchester feierte am Freitag und Samstag einen prächtigen Einstand.

Das Ambiente um die Hollywood-Bowl-artige Freilichtbühne stimmte: ein atmosphärischer Platz im Grünen, mehrere Wasserbecken mit Seerosen, eine mächtige Dorflinde. Für eine Nacht voller Seligkeit, so konnte man schlagermäßig ins Schwärmen kommen. Die Operngala war noch einen Tick besser besucht als der Unterhaltungsabend mit dem bezaubernden Schlager-Potpourri.

Die 39-jährige Koloratursopranistin aus St. Petersburg stieg gleich mit einem absoluten Opernhit ein: „Casta Diva“ aus Norma von Bellini, die Paradenummer der legendären Maria Callas, mit der die Primadonna assoluta einst das Publikum zum Rasen brachte. In Binningen gab es freundlichen, aber noch nicht rasenden Applaus, der sich allerdings immer mehr steigerte.

In der Bravour-Arie „Regnava nel silenzio“ aus Donizettis „Lucia di Lammermoor“ wurde Olga Peretyatko ihrem Ruf als vokalakrobatische Belcanto-Sängerin mit wahnsinnig gestochen präzisen Koloraturketten und schönen Legato-Linien mehr als gerecht.

Auch der Tenor stellte sich gleich mit einem Opern-Highlight vor: der Erfolgsarie des Nemorino „Una furtiva lacrima“, einer Romanze aus Donizettis „Liebestrank“. In zwei Rossini-Arien (aus „Otello“ und „Wilhelm Tell“) setzt Korchak seinen Tenor mit Verve und Direktheit ein und zeigt in diesen herausfordernden Heldentenorpartien sichere Spitzentöne und kerniges Timbre.

Zusammen mit ihrem Partner bildet Peretyatko in Duetten aus Donizetti und Mozarts „Don Giovanni“ so etwas wie ein neues Traumpaar der Oper. Das Publikum ist zunehmend fasziniert von der Stimme der Operndiva, die sich in jüngster Zeit auch das französische Repertoire mit Bizets „Perlenfischer“ erobert.

Kräftig verstärkt schallten auch vier vom Basler Sinfonieorchester schmissig gespielte Ouvertüren von Bellini, Donizetti, Rossini und Mozart durch den Park. Mit Erik Nielsen stand ein erfahrener Theaterkapellmeister am Pult und so wurde es ein Fest des Belcanto.

Mit der neuen Klassik-Destination Binningen könnte sich „große Klassik“ laut Stimmenchef Markus Muffler an diesem Schweizer Schauplatz etablieren. Das Festival will hier „etwas Großes bei Stimmen machen“ - und wurde von der Gemeinde Binningen mit offenen Armen empfangen. Über beide Abende zeigte sich Muffler „sehr happy“, und das konnte er auch bei den populären frühen Tonfilm-Evergreens sein. Sie erklangen in einer kein bisschen sentimentalen, sondern eher kessen Schlagernacht bei einem Picknick-Konzert mit bunten Liegestühlen unterm Sternenhimmel und imaginierten einen Hauch von Berliner Waldbühne.

Ein Klassik-Open Air soll ja ein breiteres Publikum ansprechen. Und wer kennt nicht die mitreißenden Oldies wie „Heut’ ist der schönste Tag in meinem Leben“ oder den schmachtenden Zarah Leander-Filmschlager „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh’n“, der die Kriegsgeneration, die ins Kino ging, von der bitteren Realität ablenken sollte. Heinz Rühmann sang damals umwerfend cool: „Ich brech’ die Herzen der stolzesten Frau’n“.

Nicht vergessen sollte man auch, dass so ein Konzertabend eine Wiedergutmachung an jene jüdischen Komponisten ist, die wie Werner Richard Heymann („Ein Freund, ein guter Freund“) oder Ralph Erwin („Ich küsse ihre Hand, Madame“) emigrieren mussten. Oder daran erinnern, dass ein Michael Jary Durchhaltelieder für Zarah Leander wie „Davon geht die Welt nicht unter“ schrieb.

In die Rollen der singenden Schauspieler von damals schlüpften gekonnt und mit Charme die Sopranistin Natalie Karl und mit Chuzpe der Tenor Michael Pflumm. Da sie die Klassiker eines Franz Grothe, Werner Bochmann oder Theo Mackeben idiomatisch darbieten, entstand ein lockeres Sommerfeeling im Schlosspark.

Dem swingenden Sinfonieorchester Basel unter dem in diesem leichten Genre erfahrenen Ernst Theis, der österreichisch süffig durchs Programm führte, merkte man die Freude an diesem Repertoire an. Ein nostalgisches Hörvergnügen mit Liedern, die unvergänglich sind. Das gab’s nur einmal!

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